Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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391 Georg Herman: Max Liebermann. 392 MAX LIEBERMANN. BADENDE JUNGEN. rin 1880, Schusterwerkstatt 1881), aber all das ist nebensächlich und verschwindet vor der stillen, ernsten Schönheit, die gerade den bescheidenen kleinformatigen Schöpfungen jener Jahre innewohnt. Arbeiten wie die Strumpfstopferin, das Altmännerhaus (1880) sind von einer poetischen Kraft und einer Vornehmheit der künstlerischen Gesinnung, die Liebermann nie mehr übertroffen hat. Im „Altmännerhaus" waren seiner Zeit die Sonnenflecken, welche durch das Laub spielten, die Höhe aller Malerei, jeder Bewunderung wert, heute sehen wir, dass sie eigentlich silbern und kalt sind, anstatt rot, goldig, grün und warm zu sein. In späteren Arbeiten hat Liebermann diesen Lichteinfall bis zu stärkster Wahrheit und Leuchtkraft gesteigert. Diese Sonnenflecke — sie haben auch das Glück eines Böcklin gemacht; beim Pan im Schilf wurde nicht das Bild bestaunt, sondern die Sonnenflecke, die Sonnenflecke. Die Welt ist nun einmal lichthungrig. Und diesen Lichthunger zu befriedigen, danach ist das Streben der letzten Jahrzehnte gegangen. Diese Lichtsehnsucht liegt tief in unserer Zeit, man nennt das Pleinair, aber es ist mehr wie eine nur formale Errungenschaft, ein Malverfahren — es ist ein seelisches Bekenntnis. 1879 wählt sich Liebermann einen biblischen Vorwurf,, den kleinen „Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten". Er vermenschlicht den Vorgang vollkommen, nimmt moderne Juden von etwas russischem Typ, Riesengestalten mit erstaunten Gesichtern und dagegen einen kleinen, mit den Händen gestikulierenden Knaben; ein Uhde, aber besser, ohne Absicht und Pose, ein Meisterwerk. Das Bild im Glaspalast brachte eine Revolution hervor, man ging bis an den Prinzregenten, es solle entfernt werden; in Liebermann wurde damit eine Quelle verschüttet, denn ich halte ihn für den Bibelmaler, er allein wäre stark und vor allem einfach genug dazu. Der Beginn der achtziger Jahre ist für Liebermann erntereich, ein Wurf glückt auf den andern. Von Stück zu Stück ist ein Fortschritt, neue Lichtmotive, neue Bewegungen; dem Atmosphärischen, den Wandlungen und Abstufungen der Farbe geht er mit sich stets verfeinernden Sinnen nach, ohne darüber an Kraft zu verlieren. Was ist das für eine Tonschönheit, für ein feiner, reiner Klang in dieser „Bleiche", welche delikaten Harmonien geben ihm die Kostüme der Waisenkinder. Wie sind seine Bilder gruppiert und gegliedert, nirgends tote Punkte, überall ist mit gleicher Liebe Leben ausgestreut. Während aber in den frühen RADIERUNG. MAX LIEBERMANN. OELGEMAELDE. KINDERBILDNIS.