Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 385 - 386 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ausserordentlich fein gelöst. Ueberhaupt hat die Lichtführung im Innenraum einen ungewöhnlichen Wert für die Fortbildung der Malerei gehabt. Erst später wagt man gegen das Licht, gegen die Lichtquelle zu malen, und Liebermann kommt endlich dazu in einem Innenraum, einer Flachsscheuer, das Licht von allen vier Seiten anzunehmen, sodass Menschen und Gegenstände vom Lichte selbst völlig plastisch — man möchte sagen mit Meisselhieben — herausmodelliert werden; zu dem kommen hier noch die tausendfachen Abstufungen, ob diese oder jene Lichtquelle hier oder dort stärker ist. Die raumbildende Kraft des Lichtes und der Luft erkennt erst die fortschreitende Kunst. In dem frühen Bild Liebermanns sind die Aufgaben noch nicht ganz gelöst. Als äusserliches Mittel zur Raumbildung hängt eine Laterne von dem Deckenbalken, und trotz dieser gedanklichen Hilfe hapert's. Das Unbestimmte der Farbe kennt diese Malerei noch nicht, jeder Ton bildet mit seinen Nachbartönen den gewünschten Einklang, ist auf ihn gestimmt, wird von ihm beeinflusst. Dass die Malerei eine Kruste von allen möglichen nebeneinandergestrichenen Farbenflecken sein kann, die sich verschmelzen, dass Luftton, Reflexe mithineinspielen, davon ist noch wenig geahnt. Das sind natürlich keine Vorwürfe für das Bild, das so gut ist, ja besser ist, wie es in Deutschland überhaupt vor dreissig Jahren gemalt werden konnte, und fällt dem gegenüber nicht in's Gewicht, dass etwas viel mächtigeres in dem Bild ist: Max Liebermann, die geschlossene Persönlichkeit in seiner vollen Eigenart, die weiss, was sie will, die den ersten bestimmten Schritt macht auf einem Weg, den sie nie wieder verlässt. Da kommen nun immer die Leute und sagen vom Künstler, er hat sich so und so entwickelt, eine Reise, ein Lehrer, die Kenntnis alter Meister oder Zeitgenossen, das und das hat ihm diese oder jene Direktive gegeben — und dabei ist Böckiin Böcklin, sowie er den Pinsel ansetzt, und ob Liebermann nun wirklich später Israels oder Manet oder Millet kennen lernt, ob er in München, Holland oder Berlin lebt, das tangiert nicht seine ureigenste Persönlichkeit, trifft nicht den Kern. Der ist festgebildet, wie er das erste Mal heraustritt, der seelische Baugrund ist vorhanden und er verändert sich nicht oder nur unmerklich. Wie hier solch ein altes Frauchen, solch ein mürrisches, freudloses Altweibergesicht gezeichnet ist, scheinbar herb, unerfreulich und doch zitternd von Empfindung, mit einem Mitfühlen, einer Liebe zum schlicht Menschlichen, mit einem Versenken in die Natur — das ist schon der ganze Liebermann. Die Poesie, die im Unpoetischen, Schlichten liegt, deuten ein Stück Bibelglauben — und