Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 383 - 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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383 Georg Herman: Max Liebermarin. 384 Max Liebermann. Oelgemälde (1892). Bildnis des Bürgermeisters Petersen. Nur wird man bald sehen, dass sie etwas komplizierter ist, als das von vornherein aussieht. Ich will wenig von alledem thun — ich will von ganz einfachen Dingen reden, von der Malerei Liebermanns. Seine Eltern waren erstaunt, als er ihnen den Wunsch eröffnete, Maler zu werden; man hätte an sich ja nichts dagegen, wenn er Bilder machte, aber ein Beruf wäre doch notwendig, und so studierte er vorerst, bis er die Seinen zu überzeugen wusste, dass Maler an sich schon Beruf genug sei; dann ging er auf die Kunstschule nach Weimar zu Thumann und Pauwels. 1869 kamen Courbet und Munkacsy nach München und die gärende Künstlerschaft empfand die Kluft zwischen der verflachten Rezeptmalerei, der innerlichen Unwahrheit der Historie und des Düsseldorfer Anekdotenbildes und der Kraft und Wahrheit dieser neuen Gemälde. Vor allem sprach hier wieder die Farbe, saftig aus braun und schwarz sich entwickelnd. Es war eine Freude und eine Kraft im Handwerk. Die Natur war nicht frisiert, nicht verschönt, sondern wurde so gegeben, wie man sie sah — man nannte das realistisch. Dass sie immer noch in einen Atelierjargon übersetzt wurde, dass die Ton folge eine willkürliche, kam nicht zum Bewusstsein. Aber es war doch die Rückkehr zur Natur, das Verlassen des Schemas, der Mut zur Wahrheit. Man blies allenthalben zum Rückzug. Die Besten unter den Jungen jener Tage schlössen sich dem an. Leibi, Trübner, Liebermann, Uhde und andere mehr erhalten hier die erste wichtige Direktive. Und vor allem man malte wieder, empfand die Schönheit, Tiefe, Kraft der Farbe, den Wert des Tons. Man fing an, die alten Meister mit neuen Augen zu sehn, ihr Handwerkskönnen, ihr Kolorismus kam zu Ehren. Die Sehnsucht nach Natur liess überall im Schlichten, Einfachen, Verachteten neue Schönheit suchen, nicht eine Schönheit, die den Dingen innewohnt, sondern die Licht und Luft und Farbe darüber zaubern. Das Konventionellschöne, das nur Anmutige, das Fade, das Liebenswürdige wurde verpönt, aber das Charakteristische kam zu Ehren. Hatte man erst nach einer grosszügigen, pathetischen Vereinfachung gestrebt, so strebte man jetzt nach Verinnerlichung des Alltags. In eine so glückliche Stunde, glücklich für den, der sein Horoskop richtig zu lesen versteht, fällt die Geburt der Liebermannschen Kunst. Zehn Jahre früher, und er hätte sich sein Lebtag mit Rückständigem schleppen müssen, hätte umlernen müssen. Man muss jung und stark sein und mit beiden Beinen hineinspringen, wenn es etwas werden soll. Die Stunden sind nicht gleichwertig. Die Gänserupferinnen sind das erste grössere Bild. Früheres ist ganz unter dem Einfluss Munkacsys leuchtende Farbenflecke, die in schwarz stehn, keineswegs breit, sondern spitz. Diese Gänserupferinnen sind für einen 25jährigen eine phänomenale Leistung. Frühreife hat überhaupt jene ganze Generation ausgezeichnet. Trübner schafft als Zwanzigjähriger Landschaften, welche die Kunstentwicklung antieipieren. Leibi steht kaum viel älter als Maler, rein als Maler, auf einer Höhe, die er nicht mehr^ zu überbieten vermag. Und in diesen „Gänserupferinnen" ist gleichfalls die unguis leonis. Die Malerei ist noch etwas wattig. Die Formen gliedern sich in einzelnen Plättchen aneinander. Das Dunkel ist stellenweise undurchsichtig; das Licht sitzt zu materiell auf den Dingen. Aber die Lichtführung, das Beleuchtungsproblem im Innenraum — steiles Licht seitlich von vorn vermischt sich mit dem Licht von der Rückwand her — ist schon MAX LIEBERMANN. (Für „Ost und West" gezeichnet.) SKIZZE*