Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Die Alliance Israélite universelle
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Dr. H. M. C: Die Alliance israelite universelle. 372 etwas nutzen. Es ist gewiss richtig, dass der deutsche Handel und der deutsche Einfluss im Orient sehr gewachsen sind, aber praktisch mag sich das in jährlich etwa 10 zu besetzenden Stellen ausdrücken. Das Gros der Bevölkerung ist, wenn es seine Lage wirtschaftlich bessern will, auf Auswanderung angewiesen. Als Einwanderungsländer kommen aber nur solche englischer oder romanischer Zunge in Betracht. In Deutschland ist die Einwanderung weder gestattet, noch wird sie in absehbarer Zeit gestattet werden. Unter denen, welche die deutsche Sprache nach Deutschland gezogen hat, gibt es auffallend viel gescheiterte Existenzen, ganz naturgemäss, da zwar den Ausländem das Studium gestattet war, wirkliches Studium und Pseudostudium, sobald an die Ausübung eines Berufes gegangen wurde, aber vielfach Ausweisungen stattfanden. Es ist hier nicht der Platz, diese Regierungsmassregeln zu kritisieren, aber da der Ausländer sich hier nun einmal in der Regel nicht niederlassen darf (und um solche handelt es sich mit verschwindenden Ausnahmen), so tut man ein moralisches Unrecht, wenn man ihn durch Erteilung deutschen Unterrichts nach hier zieht. — Eher erwägenswert scheint mir die Vermehrung des türkischen Unterrichts. — Soll sich der Jude assimiliren, so soll er es auch in der Türkei. — Indessen soll die türkische Sprache, falls sie nicht nur gesprochen, sondern auch „schriftmässig" erlernt werden soll, sehr schwierig sein, da sie zugleich die Kenntnis des Persischen und Arabischen voraussetzen soll. — Für den täglichen Gebrauch können die türkischen Juden genug türkisch, und wenn man die türkische Sprache schriftrnässig erlernen muss, um Beamter zu werden, so ergiebt sich die schwierige Frage, ob man unter jetzigen Verhältnissen recht tut, Juden der türkischen Beamtenschaft zuzuführen. Wenn ich also gelegentlich zu dem Ergebnis gelange, dass weniger französisch gelernt werden kann, so meine ich nicht: weniger französich und mehr deutsch oder türkisch, sondern weniger französisch und mehr Turnen, Zeichnen, Handfertigkeit. Soweit man überhaupt den Sprachunterricht für förderlich hält, darf man zugeben, dass die Allianz sich loyal und verständig den lokalen Bedürfnissen angepasst hat. — Einen Bewreis hierfür dürfte man auch wohl in dem Verhalten der Anglojewish Association finden, welche, wie bemerkt, die Einnahmen, über welche sie frei zu verfügen hat, fast ausnahmslos den Schulen der Alliance zufliessen lässt. Es ist zweifellos, dass die Schulen stark dazu beigetragen haben, die orientalischen Juden kulturell zu heben. In Amerika bestehen B. in Caracas, Buenos Aires und anderen Orten ansehnliche und geachtete Gemeinden aus früheren Allianceschülern, welche ihrer alten Schule Sympathie bewahrt haben und zu ihrem Unterhalt beitragen. — Üeberhaupt hat die jüdische Bevölkerung, die sich zuerst den Schulen gegenüber ablehnend verhielt, ihren Nutzen einsehen gelernt, sie trägt zu deren Unterhalt in Schulgeldern und Gemeindebeiträgen jetzt ebensoviel bei, wie die Zuschüsse der Alliance betragen, nämlich jährlich etwa eine halbe Million Francs. — Wenn man weiss, wie engherzig in Geldsachen der syagnolische Jude (um solche handelt es sich zumeist) zu sein pflegt, wie schwach bei ihm der Gemeinsinn entwickelt ist, so wird man diese Leistungen auch als Symptom „praktischen Judentums" der syagnolischen Juden zu würdigen haben. In den Schulen der Alliance befinden sich jetzt rund 30000 Schüler.- Dazu kommen noch etwa 2000 bis 3000 Zöglinge der Arbeitsstätten und Ackerbauschulen, die Seminare für Lehrer und Lehrerinnen, die Talmud Torah von Algier und das Rabbinerseminar von Constantinopel. Im bisherigen Zusammenhange habe ich die hebräische Sprache noch nicht behandelt. Der Stundenzahl nach müsste der Unterricht im Hebräischen allen Ansprüchen genügen, da in den meisten Schulen in jeder Klasse 2 Stunden täglich, in manchen sogar 3 Stunden hebräischer Unterricht ertheilt wird. Indessen scheint die Metodik des hebräischen Unterrichts nicht genügend durchgearbeitet zu sein, da trotzdem, wie mehrfach mitgeteilt wurde, die Kenntnisse der Schüler im Hebräischen nicht ausreichend sein sollen. Selbstverständlich ist das Urtheil, was als ausreichend zu betrachten sei, sehr relativ. Auch die am schlechtesten durchgebildeten Schüler haben sicherlich weit ausgedehntere Kenntnisse, als die Schüler jüdischer Schulen in Deutschland. Die hebräische Sprache scheint mir, abgesehen von ihrer idealen Bedeutung, auch eine wesentlich praktische Tragweite für die Juden im Orient zu besitzen. Sie ist, nachdem auf dem Boden von Palästina Juden aus Yemen, Buchara, Russland, Nordafrika etc. zusammentreffen, die einzige Sprache, in der alle Teile der Judenschaft sich mit einander verständigen können. Zudem ist der Auswanderer, der naturgemäss wegen der rituellen Vorschriften seinen Anschluss an jüdische Gemeinden, oder jedenfalls an Juden auf seiner Auswanderung suchen muss, in der Lage, ein Verständigungsmittel für alle Aus-