Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Die bildenden Künste im jüdischen Kultus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 345 - 346 (sequence 6)
- Language
- German
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345 Felix Feuchtwanger: Die bildenden Künste im jüdischen Kultus. 846 alles unter Zugrundelegung der neuesten Errungenschaften der Technik und unter Verwertung der modernsten hygienischen Hilfsmittel zu Stande gebracht, dann würde ich meine Glaubensgenossen einladen, in mein Gotteshaus zu kommen und sie würden "ihr Gebet „Wie der Hirsch lechzt nach der Wasserquelle, so dürstet meine Seele nach Dir, o Herr", oder „der Gerechte, Palmen gleich blühet er, wie die Ceder strebt er empor" mit mehr Stimmung, gewiss aber in grösserer Uebereinstimmung mit der Umgebung, zu Gott emporsenden, als aus den gedämpften Hallen romanischer Synagogen. Unser Kultus spiegelt lebhaftes, morgenländisches Leben wieder, unsere alten Gesänge schwirren wie heiteres Vogelzwitschern durch die Luft, in kühnen Capriolen bewegt sich die Stimme des Vorbeters. Wie passt dies alles in düstere Hallenbauten? Warum haben uns die christlichen Architekten kahle Steinwände in unsere Gotteshäuser gesetzt? Farbige Ornamentik und Arabeskenschmuck, zierliche Säulen und graziöse Linien passen zu unserem Gottesdienste! Warum hat man, trotzdem vom rituellen Standpunkte aus kein Hindernis bestand, auf Farben vollständig verzichtet? Die Flächen-Malerei hat fast nirgends Eingang in die Synagoge gefunden, wogegen die Glasmalerei, ein Kind der christlichen Baukunst, bestimmt, die Kirchenhallen in mystisches Dunkel zu hüllen, sich in jeder Synagoge vertreten findet, und sei es auch nur in einer bunten Rosette über der Lade. Wenden wir uns nun einem anderen Gebiete der Architektur zu. Begleiten Sie mich auf einen jüdischen Friedhof und helfen Sie mir, eine Mazewoh zu suchen. Haben Sie schon einmal eine echt jüdische Mazewoh gesehen, einen Grabstein, der durch anderes, als durch die Inschrift berichtet hatte, dass unter ihm ein Jude ruht? Wenn Sie von der echtesten unserer Mazewohs die Inschrift entfernen, passt sie auf jeden christlichen Friedhof; sie brauchen nur Kreuz, Weihwasserkessel oder Palmzweig anzubringen, dies, weil andere Bekenntnisse nicht so leicht auf konfessionelles Gepräge verzichten, wie wir. Warum hat man an dem Grabgitter, das Herrn Direktor Frauberger so viel Kopfzerbrechen verursachte, nicht zwei symmetrisch angeordnete Schofarhörner, durch Agraffen verbunden und von einem Mögen Dovid überragt, angebracht? Das Schofar, bei dessen Tönen nach prophetischer Ueberlieferung die Gräber sich öffnen, um die Toten zum messianischen Leben wiedererstehen zu lassen, wäre gewiss eine entsprechende Zier an jüdischen Grabsteinen. Und mancher Psalmenvers, manches Prophetenwort, dessen Symbolik sich zu plastischer Wiedergabe eignet, würde unseren Friedhöfen bildnerischen Schmuck in DECKENBELEUCHTUNG. schönster Weise ermöglichen, ohne gegen den Ritus zu Verstössen. Aber wir haben nie nach dem Judentum gefragt, wenn es sich um den künstlerischen Schmuck unserer Kultusbauten und -Gegenstände handelte, wir haben es nicht einmal so weit gebracht, die Einbände unserer Andachtsbücher entsprechend zu zieren und den Text entsprechend zu illustrieren. Nie ist es jüdischen Buchbindern eingefallen, kostbareres Material als Pappe und Leinwand, in Ausnahmsfällen Sammt zu verwenden, Titeldruck in Gold oder eine eingepresste Menorah kennzeichneen das jüdische Gebetbuch, und wenn es einem jüdischen Zeichner einfiel, eine Hagadah oder Megillah zu illustrieren, so machte er vielleicht eine Anleihe bei christlichen Meistern, wie der Illustrator der Baseler Hagadah von 1816, der Leonardo da Vincis Abendmahl in einen Sedertisch verwandelte. Nicht einmal die Becher, welche in Synagogen und Familien rituellen Zwecken dienen und unter denen wir prächtige Stücke finden, zeigen irgendwelches jüdisches Gepräge. Wenn sich nicht zufällig auf einem Becher eine hebräische Inschrift findet, mag er ebensogut aus einer Kirche stammen. Sogar unser Haftolohbüchschen, ein Gegenstand, welcher mangels Vorbilder in anderen Konfessionen für unsere Zwecke besonders angefertigt werden musste, hat seine Form, das bekannte durchbrochene Türmchen, gothischen Monstranzen entlehnt. Aut den ersten. Blick mag es befremdlich erscheinen, dass wir Juden, die wir in kultureller Beziehung an der Spitze der Völker schreiten, die wir in Wissenschaft und Handel seit Jahrtausenden^ Hervorragendes geleistet, die wir in Poesie und Musik uns einen Namen errungen, auf dem Gebiete der bildenden Künste gar keine Erfolge zu verzeichnen haben. Ist denn der Geist Bezalels und Oholiobs, der grossen Kunsthandwerker zu Mosis Zeit, erloschen in Israel? Ist der Schönheitssinn und die Prachtliebe eines Salomo, der mit feinem Ver- , ständis des Heiden Hiram Kunst dem jüdischen Kultus dienstbar machte, verschwunden aus unserem Volk? Meine Freunde! Ein Benvenuto Cellini entstammte nicht einem unterdrückten Volke, sein Stern Hess ihn im sonnigen Italien zur Welt kommen, wo ihn die glänzenden Vorbilder der Antike von Kindheit auf umgaben. Ein Peter Vischel* wuchs unter den Nürnberger Zünftlern auf, deren weltberühmte Erzeugnisse er entstehen sah, deren Werkstätten ihm schon als Knabe ein gewohnter Aufenthalt waren. Ein Schwanthaler sonnte sich in der Gunst eines kunstbegeisterten Monarchen, der ihn sehen und lernen Hess, was seinen Kunstsinn bildete. Wie viele Cellinis, Vischer, Schwanthaler mögen in der fii M