Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Die bildenden Künste im jüdischen Kultus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 347 - 348 (sequence 7)
- Language
- German
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347 Felix Feuchtwanger: Die bildenden Künste im jüdischen Kultus. 348 eklen Ghettoluft verkommen sein, ehe sich ihr Talent entwickeln konnte! Wieviel Geist, Schönheitssinn, Kunstfertigkeit mag im Keime erstickt worden sein, wenn sich der fanatische Pöbel gegen unsere Glaubensgenossen erhob! Unseren Ahnen ist die Lust zu fröhlichem Künstlerschaffen gründlich vertrieben worden. Der Sinn des Geknechteten mag sich erdichtete Trugbilder naher Erlösung vor die Seele zaubern, er mag sein Leid und seine Hoffnung in das Gewand des Liedes kleiden; aber sein Gotteshaus schmücken wird er nicht. Wer weiss, ob nicht morgen dort Trümmer rauchen, wo er heute im Gebete gestanden. Und wenn selbst ein gottbegnadeter Jude künstlerische Anlagen besessen hätte, in welcher Schule hätte er dieselben ausbilden sollen? Hätte ihm ein Zunftmeister seine Werkstätte geöffnet? Wo hätte er sich nur die Kenntnis der einfachsten manuellen Fertigkeiten erwerben sollen? So war es in früheren Jahrhunderten mit der Kunst in Israel bestellt. Heute leben wir, Gott sei es gedankt, unter günstigeren Verhältnissen. Alle Schulen, alle Werstätten, alle Sammlungen stehen uns offen, das Gefühl des Unterdrücktseins ist bei den meisten von uns geschwunden, fröhliche Schaffensfreude ist bei unseren Glaubensgenossen erwacht, auf allen Gebieten, in Wissenschaft und Technik, in Handel und Industrie regt sich mächtig der jüdische Geist. Dichtkunst und Malerei, die Kunst des Ciselierens und Erzbildens wird geübt, Bildhauer und Holzschnitzer zählen wir zu den Unseren. Aber die Kunst unserer Glaubensgenossen dient profanen Zwecken, nach wie vor waltet der Geist des christlichen Architekten, des christlichen Kunsthandwerkers an unseren geweihten Stätten. Ich wüsste nur den einzigen Oppenheim zu nennen, der seinen Pinsel in den Dienst des Judentums gestellt. Wollen wir doch einmal unseren Künstlern jüdische Vorwürfe für ihren Stift, ihre Nadel, ihren Meissel geben, wollen wir sie auf die Vorbilder echt jüdischer Kunst in unseren heiligen Schriften hinweisen, mögen vor allem die mit Glücksgütern Gesegneten unter uns den jüdischen Künstlern lohnende Aufgaben stellen. Dann wird die jüdische Kunst, die seit Salomos Zeit geschlummert in Israel, zu neuem Leben erstehen. Dann werden wir von einer modernen jüdischen Kunst sprechen können. Nicht werden Museen mit jüdischen Kultusgegenständen im christlichen Geschmacke erstehen, nein, Synagogen wollen wir errichten, Gott zur Ehr, uns zur Erbauung, unseren Mitbürgern als Wahrzeichen echt jüdischen Kunstsinnes, unsere Wohnungen wollen wir schmücken mit Menorahs, Sabbathlampen und Bechern, uns zur Freude und unseren ghettobefreiten Kindern zum Vorbilde. Jüdische Künstler sind da. Meine Freunde, geben Sie ihnen die jüdische Kunst! JUEDISCHE ARBEITSNACHWEISE. Dr. Ernst Tuch (Berlin). Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und sozialen Lebens haben in den letzten Dezennien gewaltige Umwandlungen stattgefunden. Genossenschaften und Gewerkschaften auf der einen Seite forderten Trusts und Ringe auf der andern Seite heraus, auch der Staat konnte sich dem Ansturm der neuheitlichen Ideen nicht erwehren, er machte vorsichtig tastende Versuche, schuf Alters- und Invaliditätsversicherungen, Krankenkassen u. s. w. Genug, überall trat ein machtvoll pulsierendes Leben in die Erscheinung. Nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft merkte man hiervon nichts. Sie stand unentwegt allen diesen grossen Bewegungen teilnahmlos und indifferent gegenüber. Die Erklärung dieser Tatsache ergiebt sich aus der merkwürdigen historischen Entwickelung, die sie durchgemacht hat. Durch den schweren Druck, der Jahrhunderte auf ihr gelastet, der sie abgeschlossen hatte von allem wirtschaftlichen Leben, war sie zu einer in sich fast homogenen Masse zusammengeschweisst. Wohl gab es natürlich, wie überall, die Unterschiede von „reich" und „arm", von „gebildet" und „ungebildet", aber alle diese Unterschiede verschwanden gegenüber der allen Juden gemeinsamen sozialen und wirtschaftlichen Ächtung. Der jüdische Reiche litt unter derselben Bedrückung wie der Arme, und in dem Schmerz und in der Klage über diese trüben Zustände fanden sich alle zusammen wie Brüder. Hierdurch und unterstützt durch altjüdische Religionsauffassung, die dem Armen ein „Recht" auf die Unterstützung zuspricht, hatte sich die eigenartige, unter den damaligen Umständen auch sehr angebrachte und bewunderungswürdige „jüdische Wohltätigkeit" herausgebildet. Sie war der wahre und volle Ausdruck der allgemeinen Lage der Juden das ganze Mittelalter hindurch. Nur auf diesem Untergrunde konnte sie erblühen, nur auf diesem ihre Triumphe feiern. Als nun die Emanzipation einsetzte und die jüdische Gemeinschaft als solche auflöste, als ein jeder dort Anschluss fand oder wenigstens suchte, wohin ihn seine wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse stellten, da waren die einzigen Bande, welche bestehen blieben, das mehr oder weniger vorhandene Festhalten an der jüdischen Religion und eben diese altererbte, tief eingewurzelte, „Wohltätigkeit", die sich erhielt, trotzdem ihr eigentlicher wirtschaftlicher Unterbau fortgefallen war. Die grellsten Widersprüche mussten sich natürlich daraus ergeben. So blieb derselbe Jude, der etwa nach aussen als jüdischer Kapitalist auftrat, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der jüdische „Reiche**, der Wohltäter, und derselbe Jude, der politisch nicht heftig genug gegen die „bürgerliche" Wohltätigkeit wettern