Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Die bildenden Künste im jüdischen Kultus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 341 - 342 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583910-2587127--02887-2587203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
341 Felix Feuchtwanger: Die bildenden Künste im jüdischen Kultus. 342 Sprengung des Blutes der übrigen Opfer vollzogen wurde. Hätte sich Aehnliches nicht recht wohl unseren Zwecken anpassen lassen; wäre es nicht möglich gewesen, auf dieser Grundlage einen fürdie Zwecke des jüdischen Kultus geeigneten Bettisch zu ersinnen? Nicht besser steht es um die Beleuchtungskörper. In allen unseren Synagogen finden Sie Lüster, welchen höchstens, um ihnen ein einigermassen synagogales Gepräge zu geben, ein Mögen Dovid angehängt wurde. Nur zum Entzünden des Chanukahlichtes dient eine Menorah. Und wie sieht diese aus! Ich will Ihnen doch einmal, selbst auf die Gefahr hin, zu ausführlich zu erscheinen, beschreiben, wie die biblische Menorah aussah, damit Sie selbst beurteilen können, wie weit sich die heute übliche Menorah von ihrem biblischen Vorbilde entfernt, wie verändert selbst ein spezifisch jüdischer Kultusgegenstand aus den Händen andersgläubiger Künstler hervorgeht. Die siebenflammige biblische Menorah stellte einen blühenden Mandelstrauch dar. Die Gesamthöhe des aus einem einzigen Stücke gediegenen Goldes getriebenen Leuchters betrug 18 Faust. Die Basis des Leuchters bildete eine 3 Faust hohe Blüte, aus welcher der Mittelschaft emporwuchs. Die ersten beiden Faust desselben waren glatt, dann folgte ein Mandelkelch, darüber ein runder, apfelförmiger Knauf, aus welchem eine Blüte emporstieg, dann war der Schaft wieder zwei Faust hoch glatt, worauf ein Knauf als Abzweizung für das erste Paar Seitenarme folgte. Einer glatten Stelle von ebenfalls zwei Faust Höhe folgte die Abzweigung für das zweite und in gleicher Weise für das dritte Paar Seitenarme. Der Schaft stieg dann nochmals zwei Faust hoch empor und endete in einem Kelch mit Knauf und Blüte, ähnlich denen des Mittelstückes, jedoch um die Hälfte höher. Jeder Seitenarm zeigte drei Kelche, Knauf und Blüte. Die obersten Blüten dieser Arme schnitten in gleicher Höhe mit der Blüte des Mittelschaftes ab und diese sieben Blüten bildeten die Oelbehälter. Da die Lampen alle der Mitte zu gerichtet sein mussten, dürften die Seitenarme nicht in einer Ebene angeordnet gewesen sein, sondern waren vermutlich rings um den Schaft angeordnet. Von all dem zeigt unsere heutige Menorah keine Spur. Sie ist ein achtarmiger Leuchter geworden, in den verschiedensten Stilarten und Geschmacksrichtungen ausgeführt. Wer hätte es auch dem christlichen Meister sagen sollen, dass eine Menorah nicht nur ein achtarmiger Leuchter sein, sondern auch eine bestimmte Symbolik zeigen muss? Lüster, so dekorativ sie auch wirken, beeinträchtigen den synagogalen Eindruck und verursachten, wenigstens solange man Fernzünder und elektrisches Licht nicht kannte, regelmässig eine unliebsame Störung im Gottesdienste, wenn die Lichter während desselben angezündet werden mussten. Wandarme, in einer der Menorah angepassten Form an Säulen und Wänden angebracht, scheinen mir in stilistischer und praktischer Hinsicht für Synagogen besser geeignet. Weil wir gerade von Beleuchtungskörpern für die Synagoge sprechen, gestatten Sie mir eine Abschweifung zu einem Beleuchtungskörper, welcher seine charakteristische Form scheinbar gut bewahrt hat. Ich meine die Schabbeslampe. Auch sie hat sich eine Abänderung gefallen lassen müssen. Die siebenzinkige Krone, welche die sieben Sabbathlichter, für jeden Tag der Woche eines, trug, scheint den christlichen Meistern nicht symmetrisch genug gewesen zu sein. Wenigstens wüsste ich mir die merkwürdige Thatsache nicht anders zu erklären, dass unsere heutigen Sabbathlampen nie sieben, sondern fast regelmässig sechs, manchmal auch acht oder zwölf Lichter aufweisen, es sollte denn hierdurch die Absicht ausgedrückt werden, sich einer Nachahmung der siebenarmigen Menorah des Tempels vollkommen fernhalten zu wollen. Und nun zurück zu unserer Synagoge. Vom Vorhange der Stiftshütte lesen wir, dass er aus purpurfarbenem, karmoisinrotem und dunkelblauem Gewebe, schwer mit Gold durchwirkt, bestand. Er fiel nicht glatt vor der Lade herab, sondern der obere Teil war zeltartig nach vorn drapiert, wo er die Tragstangen der Lade berührte und dann gerade abfiel. Es sollten nach der Vorschrift die Umrisse der über die Lade hervorstehenden Stangen im Faltentwurfe des Vorhanges erkennbar bleiben. Und nun sehen Sie sich dagegen unsere Thoravorhänge und Mäntelchen an. Das Hauptstück an denselben sind meist zwei gestickte Löwen in Halbrelief — rein plastische Darstellungen lebender Geschöpfe waren wegen Anlehnung an den Götzendienst verpönt —, die eine Krone, die Krone der Thora, tragen. Diese heraldischen Löwen, wie sie aus dem bayerischen Wappen davongelaufen zu sein scheinen, mit ihren aufgerissenen Rachen, doppelten Zungen, erhobenen Pranken und geschwungenen Schweifen müssen jeden mit Schönheitssinn begabten Juden zum Lachen reizen. Und die stilisierte Krone, die alles eher ist, als ein orientalisches Diadem! Warum hat man es nicht versucht, unter Zugrundelegung der Symbole, welche Erzvater Jakob seinen Söhnen beilegt, als er ihnen den letzten Segen erteilt, den Vorhang zu zieren? Warum hat man es unterlassen, die reiche Symbolik der Bibel zu diesem Zwecke zu verwerten? Das Christentum hat diese Symbole im 15. und 16. Jahrhundert in Malerei und Skulptur häufig in seinem Sinne verwendet, ich erinnere beispielsweise nur an die Darstellung Christi in der Kelter nach Jesaias 63,3 aus der Mitte des 16. Jahrhunderts im Münchener Nationalmuseum. An jüdischen Kultusbauten ist mir nur ein einziger Fall der Verwendung eines biblischen Symbols bekannt: Ueber der Synagoge in Buttenwiesen schlängelt sich am Blitzableiter eine kupferne Schlange empor in Erinnerung an das Bibelwort: „Wer zur kupfernen Schlange aufblickt, wird am Leben bleiben." Und die Zierraten an der Thora! Sie finden Zierbleche, Zeiger, Ez Chajim in allen Stilarten vergangener Jahrhunderte: Renaissance und Rokoko, Louis XIV.