Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Die bildenden Künste im jüdischen Kultus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 339 - 340 (sequence 3)
- Language
- German
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339 Felix Feuchtwanger: Die bildenden Künste im jüdischen Kultus. 340 die Kirche über der wundertätigen Muttergottes von Ettal aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, im 18. Jahrhundert restauriert — die Form langgestreckter Hallen. Damit war auch der Grundriss der modernen Synagoge gegeben. Die der Türe gegenüberliegende Wand, an welcher sich zweckmässigerweise Omed und Lade befanden, wurde zur Apsis erweitert, und dem Omed uhd der Lade eine dominierende Stellung zugewiesen. Der Omed wurde altarähnlich aufgebaut, die Lade wurde zum Tabernakel. Man wende mir nicht ein, dass die Erhöhung aus akustischen Gründen erfolgte. Bei einem Sänger, welcher seinen Zuhörern den Rücken zuwenden muss, hat man derart kleinliche Rücksichten gewiss nicht walten lassen. Gerade, wenn man Rücksicht auf Klangwirkung hätte nehmen wollen, hätte man auf die althergebrachte Stellung des Almemor nicht verzichten dürfen. Da aber ein zweiter erhöhter Aufbau im Hauptschiff architektonisch nicht gut zu motivieren war, verzichtete man in der Mehrzahl der Synagogen auf den Almemor und benutzte den Omed sowohl zum Zwecke des Vorbetens als auch Vorlesens, Ein architektonischer Abschluss des Tabernakels, welches zum Zeichen dafür, dass es jüdischen Zwecken dient, mit den beiden Gesetzestafeln gekrönt wurde, wurde durch Anordnung von Chor und Orgel über demselben erzielt. Mag der christliche Architekt mit diesem Aufbau auch imposante Wirkung erreicht haben, unjüdisch durch und durch ist der Gesamteindruck unter allen Umständen. Wie verträgt es sich mit unserer Anschauung über die Gotteslehre, unserem idealsten Besitze, dass Menschen über ihr wandeln? Die Lade, aus der uns das göttliche Licht entgegenstrahlt, müsste den architektonischen Abschluss des Aufbaues bilden, wenn eine das gläubige Herz befriedigende Stimmung erreicht werden soll. SÄULE AUS DEM TEMPEL IN JERUSALEM (in der Peterskirche zu Rom aufbewahrt). Vor der Lade finden wir einen altarähnlichen Tisch, zu welchem Stufen oder eine Freitreppe emporführen. Es ist dies der Omed in der bereits erwähnten Anpassung an den Hallenbau. Ein biblisches Gebot, welches sich allerdings auf die Altäre in Stiftshütte und Tempel erstreckt, lautet: „Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altare emporsteigen, damit sich Deine Blosse nicht offenbare." Wenn auch der Altar im Tempel ganz anderen Zwecken diente, als unser moderner Bettisch, so hätte der ernsten Weisung der Bibel um ihres schönen Grundgedankens willen vielleicht doch Rechnung getragen werden sollen. Warum hat man sich nicht auch hinsichtlich der Form an das biblische Vorbild gehalten? Die Kastenform unserer Bettische ist weder durch Zweckmässigkeit gerechtfertigt, noch durch Schönheit entschuldigt. Wenn auch die genaue Nachbildung der in Tempel und Stiftshütte verwendeten Geräte und Gegenstände untersagt war, so wäre doch einer Anlehnung an die charakteristischen Formen derselben nichts im Wege gestanden. Es sind uns alle Masse, alle Details der Arbeit und des Materials dieser Dinge überliefert, sodass es ohne allzugrosse Mühe möglich gewesen wäre, typische Formen für unsere Kultusgegenstände zu entwickeln. Wir wissen beispielsweise vom Altare in der Stiftshütte, dass er drei Ellen hoch war, fünf auf fünf Ellen an der Platte mass, eine bis zur halben Höhe herab reichende Cassettierung und an seinen Ecken vier würfelförmige Aufsätze besass. Wir lesen, dass der Altar im Tempel aus drei aufeinanderstellenden Würfeln verschiedener Grösse aufgebaut war, welche für die Sprengung des Blutes der verschiedenen Opfer bestimmt waren. Ein roter Streifen, welcher um den mittleren Würfel lief, trennte den für die Sühnopfer bestimmten Teil von demjenigen, auf welchem die