Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Die Lewaja
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 333 - 334 (sequence 4)
- Language
- German
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333 Michael Wurmband: Die Lewaja. 334 Der kleine Zug hatte sich wieder um den Sarg gesammelt; der Totengräber war bald mit seiner Arbeit fertig. Der Weibergruppe hatten sich noch das Weib des Friedhofwächters und eine polnische Wäscherin, welche im Wächterhause übernachten sollte, zugesellt. Die Wäscherin machte grosse Augen; sie hatte noch nie von einem Leichenbegängnis zu so später Nachtstunde gehört, und ausserdem frappierte sie der Kontrast zwischen der prunkvollen Feierlichkeit eines katholischen Leichenbegängnisses und der trostlosen Einfachheit einer jüdischen Lewaja. Eisik Morgel Öffnete den Deckel des Sarges, beugte den Kopf hinein und bat „Mechila."11) Er hatte die Absicht, sein Herz ganz auszuschütten, es gelang ihm aber nicht; kein warmem Wort entströmte seinem Herzen. „Was flüssert dieser der Toten ins Ohr; ist er verrückt?" fragte die polnische Wäscherin. „Er bittet die Tote um Vergebung," gab ihr ein altes Weib zu verstehen. „So ist es bei uns; wir verkehren mit den Toten, wie mit Lebenden. Wir reden zu ihnen und sie hören uns. Wenn schlechte Zeiten kommen, dann besuchen wir die Gräber unserer Toten und klagen ihnen unsere bittere Not . . . und die Toten erscheinen vor dem heiligen Stuhl des Ewigen und bitten Rachmim, das heisst Erbarmen, für die Lebenden. So, wenn man ihnen im Leben Unrecht thut, so klagen sie ihren Feind vor dem himmlischen Gerichte an. —" „Ach die gute Chane möge ihm verzeihen", fiel da Lea ein; „denn er hat sehr schlecht gegen sie gehandelt —" Eisik Morgel hörte diesen Ausruf und eine entnervende Kälte durchrieselte seinen Körper. Das Bewusstsein seiner Schuld war plötzlich klar und einwandfrei in ihm aufgedämmert: Er selbst vermochte ja das Verhältnis nicht vorurteilslos zu beurteilen, — aber wenn es die Aussenstehenden so ansahen, so war dies doch die sichere Bürgschaft seiner Schuld. Der Totengräber war fertig, der Schames trat herzu und schrie laut in den Sarg hinein: „Dein Mann und Deine Kinder bitten Dich Mechila; wenn sie gegen Dich gesündigt haben, so sollst Du ihnen vergeben I — Deine Nachbarin Lea bittet Dich Mechila. Alle Deine Nachbarn, Verwandten und Bekannten bitten Dich Mechila. — Du sollst von ihnen allen von jetzt an abgeschieden sein!" Die Leichendiener wollten sich eben daran machen, den Sarg in die Gruft zu senken, da streckte Eisik Morgel seine Rechte hindernd aus. „Wartet!" befahl er ernst. Alles horchte auf. Nun ertönte seine markige Stimme laut und feierlich: 11) Vergebung. „Hört zu, Rabossaj.12^ -— Heute morgens ist sie mir im Traume erschienen. — Hier vor einem Minian13) Juden bitte ich sie Mechila! — Alle guten Taten, die wir gemeinsam vollbracht haben, so die Mizwoss14) von Brautausstattungen und Patenschaften bei armen Kindern, an welchen ich doch einen Teil habe — nein, ich will an ihnen keinen Teil haben; die gehören alle ihr. —" „Ihr, ihr," stimmte der Schames bei. „Alle Almosengaben, welche sie verteilte, alle Mahlzeiten, mit welchen sie das Herz armer Juden erquickte, was doch von meiner Mühe, von meinem Schweisse, von meinem Blute genommen war — das Alles gehör —" — „Ihr, ihr", fiel der Schames ein — „— ihr allein. Mögen ihr alle diese Wohlthaten auf jener bessern Welt zu gute kommen. Sie soll ein guter Fürsprecher sein vor seinem heiligen Throne, für mich und für meine fünf Jessojmemlech — saget, Juden: Amen!" „Amen", erwiderten alle. Der Sarg wurde unter allgemeinem Schweigen in die Gruft gesenkt, und als die ersten Schollen auf den Deckel niederprasselten begannen Jankele und Baruch den Kaddisch herzusagen. Die Weiber brachen in ein allgemeines Weinen und Klagen aus. Leas Stimme hörte man deutlich aus diesem Klagechor heraus. „Vögelchen, arme, kleine Vögelchen" lamentierte sie. Nun schickte man sich an, den Friedhof zu verlassen. Der Mond sollte schon aufgegangen sein, doch sah man ihn nicht, die tiefe Finsternis war noch immer nicht gewichen. Der Himmel war schwarz, von Wolken umspannt, die Luft war kühl und feucht; man fühlte den Regen kommen. „Nicht laufen — halten wir uns beisammen bei dieser Finsternis; der Weg ist so schlüpferig," schlug da Einer vor. Ein Leichendiener schritt mit einer Laterne voraus und alle Uebrigen gingen dicht hinter ihm her. Lea trug den kleinen Baruch auf den Armen, zu ihrer Rechten schritt Eisik Morgel, seinen Jankele an der Hand führend, und sprach ohne Unterlass auf sie ein. Er redete, redete mit klarer, erlöster Stimme, wie einer, dem eben eine drückende Last vom Herzen abgewälzt wurde. Bevor man in die erstorbenen Gassen des Städchens einbog, sagte er beteuernd: „Sollte es mir noch, nach Gottes Willen, bescheert sein, von einem zweiten Weibe Kinder zu bekommen: Chanes Kinder werden meinem Herzen verwachsener sein. Ihretwegen werde ich kein Opfer und keine Mühe scheuen, werde arbeiten im Schweisse meines Angesichtes —". 12) Meine Herren. 13) Zehnerzahl. 14) Gebote.