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Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 331 - 332

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Die Lewaja
Date
1903-05-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 3)
Language
German
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331 Michael Wurmband: Die Lewaja. 332 überdeckt, und am Kopfende brannten Lichter. — Und jetzt erst kam es ihm zum Bewusstsein, dass sie bereits tot war. In Angstschweiss gebadet erwachte er. — Nicht anders, sie hatte etwas gegen mich, entschied er in Gedanken. — Sie starb mit unversöhntem Herzen und wird drum keine Ruhe haben dorten . . . wird auch mir keine Ruhe geben. Er war zerknirscht. Das beschäftigte ihn aber nicht lange; gleich am Morgen musste an die Bestattung gedacht werden. Aber da stiess er auf Hindernisse. Denn das Kultusamt verlangte 300 K. und die Chebra Kadischer 100 K. für Gruft und Bestattung. Er war entsetzt. Er schwur hoch und heilig, dass er ein armer Jude sei, welcher im Schweisse seines Angesichts sich abrackert, um seine fünf kleinen Kinderchen ernähren zu können — es half ihm aber nichts. Er regte sich furchtbar auf, schrie und zappelte, schalt die Vorsteher Blutegel, man lachte ihn aber aus. Der Vorsteher der Chebra Kadischa hielt ihm vor, dass er ein Vermögen von mehr als 30 000 K. besitze, und das regte ihn noch mehr auf. Er war immer argwöhnisch, wenn jemand auf sein Vermögen anspielte. — Die Neider, die einem das Stückchen Brot nicht gönnen . . . was geht das sie an, dass ihn Gott, boruh hu,9) mit einem bischen Vermögen bedacht! Hat er sich etwa wenig darum geplagt im Schweisse seines Angesichtes, bis er es zusammenbrachte? Man einigte sich schliesslich dahin, dass er 200 K. zu zahlen habe. Den ganzen Tag, bis in den Abend hinein hatten die lärmenden Unterhandlungen gedauert Er war noch jetzt wirr davon, wie vor den Kopf geschlagen. Schon während des Tages, in der grössten Hitze der Unterhandlungen zuckte in ihm dann und wann ein geheimes Bangen auf, in Erinnerung seines Traumes, aber jetzt, angesichts der Totenstadt, ward er vollends dessen Opfer; es befiel ihn förmlich eine Moroh sch'choroh.10) Innerhalb der Friedhofmauer war es noch finsterer als draussen. Die Leichenträger irrten mit dem Sarge zwischen den Leichensteinen herum; sie konnten nicht gleich das frische Grab finden. „Meier, wo bist Du?" schrien sie aus vollen Kehlen durcheinander. „Hier!" rief der Totengräber zurück. Richtig, da unweit stand er bis zum Gürtel im Grabe und wart gemächlich frische Erde aus, sein halbwüchsiger Junge kniete auf dem Erdhaufen und leuchtete ihm mit einer Laterne hinein. Er war noch nicht fertig, da man ihm von der Chebra Kadischa erst um acht Uhr den Befehl gegeben hat, das Grab zu machen. Noch eine Schaufeltiefe hatte er abzustechen. Der Sarg wurde vor dem Grabe niedergelassen, dann zerstreute sich der Zug bis auf weiteres. 9) Gesegnet sei er. ,0j Melancholie. Eisik Morgel stand etwas abseits an einem Grabstein gelehnt, den Kopf auf die Brust gesenkt, und sann und sann .... Was hatten dieser Traum und diese anklagenden Augen zu bedeuten? Sollte seine fromme, treue Chane wirklich gegen ihn etwas auf dem Herzen gehabt haben? Er versuchte sein Zusammenleben mit ihr sich in Erinnerung zu rufen und er musste sich gestehen, dass wenigstens in den letzten Jahren nie jene warme Vertraulichkeit unter ihnen aufgekommen war, die bei Eheleuten eine Regel ist. (Es war dies, seitdem sie kränkelte, er aber schrieb es seiner Zerstreutheit zu und dem Umstände, dass er fast immer von Geschäften in Anspruch genommen war.) Er hatte also keine Gelegenheit gehabt in ihr Herz zu schauen — er war aber nichtsdestoweniger überzeugt, dass sie eine milde, gute Seele gewesen und ihrem Manne ergeben war, wie eine jüdische Tochter es sein muss. Gar oft kränkte er sie mit seinen Kinderlaunen, tat aus närrischem Trotz fast immer das Gegenteil, als was sie wünschte. — Das musste sich dieser ewige Rechthaber denn doch eingestehen. Aber was war denn Besonderes daran? Das kommt ja in jedem Eheleben vor. Die gute Chane ergab sich auch darin und lehnte sich nie dagegen auf. Aber da trat wieder dieser Traum vor sein geistiges Auge. — Das kann man doch nicht so abtun, dachte er; das muss doch etwas bedeuten .... Wie, sollte sie wirklich . . .? — aber nein, nein, nein! — Er streckte die Rechte wie zur Abwehr aus — nein, nicht sie — nicht Chane . . . wie, oder . . . .? Er kämpfte da verzweifelt gegen einen Gedanken an, der schon lange im Hintergrunde seines Bewusstseins geschlummert hatte, den er aber wegen seines glücklichen Talentes, sich selbst zu seiner Beruhigung bewusst täuschen zu können, bisher glücklich im Banne zu halten vermochte. Dieser Gedankenkampf, dieser Widerspruch der Empfindungen verursachten ihm ein tiefes Unbehagen. Aber schliesslich siegte doch der verbannte Gedanke und brach sich aus seinem dunklen Gefängnisse Bahn. Und in der Vorstellungswelt Eisik Morgels spielte sich ein rapider Umwandlungsprozess ab: das Bild einer sanften, sich aufopfernden, alle Unbill als gegeben hinnehmenden, Alles verzeihenden Chane verblasste in ihm und machte einem neuen Gebilde Platz. Er sah ein ruhiges, aber verbissenes, selbstquälerisches Weib, welches in seiner sanften Hülle einen stillen, aber umso intensiveren Hass barg — ein Weib, welches mit stillem Trotz seine Pflicht tat — eine jener verschlagenen Naturen, welche schweigen, aber nie verzeihen .... — Sie wird mir keine Ruhe geben, dachte erin Angst. Eine kurze Zeit beherrschte dieses neue Gebilde seine Gedanken- und Empfindungswelt, dann begann es sich zu mildern. — Nein, mein Chane war nicht so, dachte er sich beruhigend. — Sie wird mir schon Alles verzeihen; bin ich doch der Vater ihrer fünf Kinderchen, welche nunmehr auf mich aliein angewiesen sind.

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