Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Sozialismus und Judentum in Rumänien
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 325 - 326 (sequence 5)
- Language
- German
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325 B. Librescu: Sozialismus und Judentum in Rumänien B. SCHATZ. OPHELIA. die rumänischen Arbeiter und Bauern ihre Vertreter im Parlamente haben, würde man sehen, würde man das jüdische Problem leicht lösen. Ein Teil der jüdischen Sozialisten verlor das Zutrauen zur Parteileitung, erklärte sich gegen diesen Handel und bildete eine eigene Gruppe. Diese Sezession war einer der grossen Stösse, — vielleicht der wichtigste, — welche unsere Bewegung töteten. Diese neue Vereinigung „Lumina", die ihren Sitz in Jassy hatte, erwarb immer mehr Mitglieder. Die Gründe ihrer Opposition gegen die offizielle Partei kann man im Folgenden resümieren. Sie sagten: Um das allgemeine Wahlrecht zu erwerben, reicht ihr den rumänischen Bourgeois die Hand; desto plausibler ist es, dass die jüdischen Proletarier sich mit den jüdischen Bourgeois vereinigen sollen, um die Lösung der gemeinsamen Judenfrage herbeizuführen. Uebrigens ist unsere Frage dringender als die des allgemeinen Wahlrechtes, erstens weil dieses schwerer zu erlangen ist, dann weil die Eroberung der Wahlreform viel leichter vor sich gehen würde, wenn die Juden rumänische Bürger sein würden. Und, nach eueren jetzigen Gefühlen zu urteilen, bezweifeln wir, dass, nachdem ihr das allgemeine Wahlrecht haben werdet, ihr an uns werdet denken können oder wollen. Wir Juden haben spezielle Interessen zu verteidigen, darum wollen wir uns in einer jüdischen Partei gruppieren: ihr-seid rumänische Sozialisten, wir sind jüdische Sozialisten. Diese Erklärungen erhoben einen heftigen Sturm in der Partei, welche damals schon so viel auszustehen hatte von den äusserlichen Feinden und der inneren Schwäche. Aber dem Allarmrufe der Rebellen folgten nicht alle jüdischen Sozialisten; der grösste Teil der Bukarester blieb der alten Leitung treu, was die Agonie dieser letzteren ein wenig verlängerte. Die Epoche, die jetzt begann, war für die sozialistische Bewegung die traurigste. Prinzipielle und persönliche Kämpfe durch Zeitungen und Versammlungen, Verleumdungen aller Art, beiderseits, sogar ein schmutziger Prozess, das Jauchzen der schadenfrohen bürgerlichen Presse, das materielle Elend der Partei, das sich jetzt noch steigerte, das Alles verbitterte die mutigsten, erlosch die Begeisterung der ältesten Kämpfer und blies die meisten schwach überzeugten von der Partei weg. Es war der Anfang vom Ende. Wer da Recht hatte? Es ist schwer zu sagen, denn beide Teile hatten Unrecht. Um unparteiisch zu sein, muss ich noch hinzufügen, dass wir Juden dem sozialistischen Abgeordneten Mortzun hie und da eine Verteidigung unserer Sache in der Kammer zu verdanken haben, jedoch aber nicht mehr als einigen anderen, nicht sozialistischen Deputierten. — Dann möchte ich noch erwähnen, dass die Anführer vom Zentrum einen günstigen Einfluss auf eine Aktion hatten, dessen Zweck die Eroberung der Bürgerrechte für Juden war; denn das Zentrum trug viel zur Gründung des grossen Vereines „Drepturile" der jüdischen Reservisten bei, welcher Verein später der gemeinsame Boden war, wo sich die offiziellen Sozialisten und die Jassyer Agitatoren begegneten. Man weiss, dass der benannte Verein keinen Erfolg hatte; auf jede seiner Taten antworteten die Antisemiten mit einer blutigen Devastation, so dass er schliesslich ganz gelähmt hinsiechte. Der endgiltige Krach Hess nicht lange auf sich warten. Die rumänische Regierung brauchte nur zu wollen, um die ganze Bewegung auszurotten; sie hatte die schwache, aufgelöste Partei in der Hand und ein kleiner Druck genügte, um sie zu zermalmen, was auch im Jahre 1898—99 geschah. Durch einen schändlichen Prozess zerdrückte sie die in ihren Anfängen stehende Bauernbewegung. Dann konfiszierte sie die Register des Bukarester sozialdemokratischen „Klubs", um einen Auszug der wichtigsten jüdischen Sozialisten zu machen. Diese wurde sie einfach durch eine Ausweisung vom Lande los. Dann war Alles aus. Die Jassyer „Lurninisten" Hessen ihre Stimme nicht mehr hören. Die anderen jüdischen Sozialisten fürchteten sich jetzt, sich in irgend etwas zu mengen, da man sie leicht vom Lande verbannen konnte. Die rumänischen Arbeiter, die nur sehr locker am Sozialismus gebunden waren, flohen ebenfalls beim ersten Pulverrauch. Sogar die Anführer suchten ein Obdach, indem sie dem Feinde die Hand reichten..... Die jetzigen Trümmer des Schiffbruches zeigen das traurigste Bild. i