Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Sozialismus und Judentum in Rumänien
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 327 - 328 (sequence 6)
- Language
- German
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327 B. Librescu: Sozialismus und Judentum in Rumänien. 328 Von den jüdischen Sozialisten ist ein Teil zu den Zionisten übergetreten; andere sind skeptisch und wollen sich an keine Bewegung anreihen; die meisten aber sind zu sehr in das Elend der letzten Jahren geraten, in die Auswanderungsströmung, und können nur noch an das ihnen fehlende Brod denken. Die meisten rumänischen sozialistischen Arbeiter haben auf jeden Kampf verzichtet. Diejenigen, welche schon zur Sterbezeit der Partei eine kleine judenfreie sozialistische Gruppe gebildet hatten, "setzten ihre Agitation fort und von antisemitischen Sozialisten wuchsen sie zu reinen Antisemiten heran. Von dieser Gruppe ging die „Vereinigung der rumänischen. Handwerker" aus, deren Bewegung den jüdischen Arbeitern so fatal wurde; denn ihrer Agitation verdanken wir das berühmte Gesetz der Handwerke, welches zur Verschlechterung unserer Lage beitrug. Die Anführer dieser ehemaligen Bewegung gehören der jetzt in Rumänien regierenden Partei an; sie haben für die judenfeindlichen Gesetze in der Kammer gestimmt und nur einer von ihnen hat seine Stimme für unsere Sache erhoben, obwohl nicht mit dem ganzen Herzen: das ist Constantin Mille, der unabhängige Deputierte, der einzige Erbe der sozialistischen Bewegung. * * Es fragt sich: Hatten die sozialistischen Juden das Recht, von der Partei eine spezielle Agitation zu Gunsten der Judenfrage zu verlangend Darauf mögen die Leser selbst eine Antwort geben, nachdem sie erfahren haben, wie viel die Juden für diese Partei gearbeitet haben. — Von der grössten Begeisterung beherrscht, vergassen wir unser Interesse und das unserer Familien. Fanatische Kämpfer waren wir, die vor nichts zurückscheuten. Moralische und materielle Opfer brachten wir der Partei dar. Die Partei war unser heiligstes Gut und ihr ergaben wir uns ganz, ihr galten alle unsere Gedanken und jeder unserer Schritte, ihr opferten wir uns und unsere Angehörigen, die vergebens um unsere Teilnahme an die Familiensorgen flehten. Wir gaben der Partei Schriftsteller, Organisatoren, Redner, Märtyrer für's Gefängnis. So durften also einige von uns hoffen, dass sich die Partei auch unserer annehmen würde, überhaupt wenn man bedenkt, dass sie die Rechte aller unterdrückten Nationalitäten zu verteidigen angab. Wie es aber im Herzen derjenigen ausschaute, die damals mit uns Hand in Hand gingen, kann man jetzt sehen, jetzt, wo sie zu unseren Feinden übergetreten sind. DIE Ein! Von Michael W „Z'doko tazzil mimoves!"1) rief feierlich-monoton der Schames2) und schüttelte mächtig die Blechbüchse, dass die Münzen drin rauschten. Ein winziger Leichenzug schlängelte sich hastig durch die tiefdunklen, menschenleeren Strassen des Städtchens. Es war zehneinhalb abends. Mehrere Geschäftsleute sperrten gerade ihre Läden. Als der Zug vorbeipassierte, hielten einige in ihrer Beschäftigung inne. „Wer ist gestorben?" riefen da mehrere Stimmen auf einmal. „Ein Weib aus einem Dorfe!" schrie eine Stimme aus dem Zuge zurück —„Eisik Morgels Weib", ergänzte der Schames. Ein schon halb entkleidetes Weib riss ein Fenster auf und rief ihrem draussen stehenden Manne zu: „Jossei, Jossei, — wirf einige Heller in die Büchse für ihre Seele! Sie war ein ehrlich Weib — ich hab' sie gekannt — ein still, koscher Weibel. — Geleit sie auch ein wenig!" Bald war der Zug aus dem Bereiche des Städtchens. Es ward dunkler und einsamer. Die beiden Jüngelchen der Verstorbenen, der neunjährige Jankele und der 1) Wohltun schützt vor dem Tode. 2) Synagogen dien er. ild. rmband (Wien). sechsjährige Baruch, rückten näher an ihren Vater heran und hielten sich an seinen Kaftanschössen. Die vier Leichendiener schritten hastiger mit dem Sarge die sanft steigende Strasse hinan. Es war still; man hörte nur ein ungleichmässiges Getrappel, und aus der Weibergruppe ein leises, müdes Weinen, von einer Nachbarin und Freundin der Verstorbenen herrührend. Als man in einen schmalen und kotigen Feldweg einbog, löste sich ein Häuflein vom Zuge und kehrte um. Der kleine Baruch zerrte ungestümer am Kaftanschosse seines Vaters. „Tatuniu,8) was kehren sie alle zurück — 'ch hob Mojre!"4) rief er weinerlich. Eisik Morgel sah jetzt auf seine beiden ältesten Jüngelchen, welche mit vorgebeugten Oberkörpern und aufgesperrten Mäulern mühsam an seiner Seite dahintrappelten, und ihn überkam eine starke Rührung. „Habt keine Angst, meine Kinderchen: Ihr seid bei Eurem Vater, und bei ihm seid Ihr gut versorgt. Euer Vater wird sich stets für Euch abmühen im Schweisse seines Angesichtes. Ich werde Euch von jetzt an Vater und Mutter sein." Er ward durch seine eigenen Worte gerührt. Man denke nur: Er, welcher bis jetzt im Hause selbst einer 3) Väterchen, 4) Angst.