Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Sozialismus und Judentum in Rumänien
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 4)
- Language
- German
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323 B. Librescu: Sozialismus und Judentum in Rumänien. 324 wird man leicht verstehen, warum die Juden dem Aufrufe der Sozialisten am meisten Folge leisteten und warum diese sie mit offenen Armen empfingen. Ihrerseits waren die Juden glücklich, in der jungen Partei sympathisch aufgenommen zu werden. Von jeder politischen Thätigkeit ausgeschlossen, konnten sie im Heere der liberalsten Ideen nur gewinnen. Die Beweggründe ihres Beitretens waren übrigens verschieden. Die meisten unter den Intellektuellen kamen in die Bewegung, ohne an ihre Interessen zu denken. Es war schön, es war grossmütig: das genügte. Andere berechneten ihren Schritt; sie sagten sich, im Sozialismus läge die einzige Lösung der Judenfrage, welche sie mit der sozialen Frage als eng verknüpft betrachteten. Die jüdischen Arbeiter kamen meistens wegen des grossen Versprechens des Sozialismus bezüglich der Verbesserung des Zustandes aller Arbeiter. Dann war es bei Allen der Wunsch, für Rumänien etwas Gutes zu thun, für das Land, das sie trotz dessen Undankbarkeit so gern hatten und für welches sie politisch nicht mitkämpfen durften. — Und Jeder weiss, wie schwer es Einem fällt, sich nicht in die Politik zu mischen, wenn man, wie es bei den Juden ist, eine ausgesprochene Neigung zur Politik hat. Die nichtsozialistischen Juden, die Kapitalisten, liebäugelten mit dem Sozialismus, dessen Fortschritte sie aufmerksam verfolgten; sie hofften später zu profitieren, wenn die Partei dem Parlamente die Lösung der Judenfrage aufzwingen würde. Das jüdische Element war die Seele und der Körper der Partei; es war ein wunderbares Vehikel der welterlösenden Ideen, die sie überallhin propagierten. Dieses Element zog einen grossen Teil der Rumänen aus den Vorstädten an; sie gewannen die rumänischen Arbeiter, welche jetzt immer mehr entstanden. Und so bildete sich die sozialistische Partei, die von ihrem Anführer, Joan Nadejde, dem Marxisten und Bewunderer der Deutschen, benannt wurde: Partidul socialdemocrat romin. Einer der schwächsten und empfindlichsten Punkte dieserer Bewegung war ihr Berührungspunkt mit der jüdischen Frage. In der ersten Zeit, als man das erste Parteiprogramm festsetzte, stellte man sich, wie wenn eine solche Frage nicht existierte. Sie verlangten „das allgemeine Wahlrecht für alle Menschen, die, in Rumänien geboren, keines anderen Staates Untertanen waren, ohne Unterschied der Religion, der Nationalität und des Geschlechts", und mit diesem Alinea glaubten sie auch die Judenfrage lösen zu können. Später, als man einsah, dass es unbedingt notwendig war, sich in der Frage genauer auszusprechen, bekam das Programm einen Artikel, der die Lage der einheimischen Juden separat behandelte. Jetzt verlangte die sozialistische Partei die Bürgerrechte für alle in Rumänien geborenen Juden, die keinem anderen Staate angehörten und die ihren militärischen Verpflichtungen in der rumänischen Armee nachgekommen waren. Aber diese den Juden gewährte Genugtuung blieb auf dem Papiere. Niemals hat die Partei eine direkte Kampagne in dieser Hinsicht zu führen versucht. Man erstaunt, wenn man bedenkt, dass die Juden der Partei lange keine solche Aktion verlangten. Wie es die Theoretiker der Partei vorgeschrieben, hatten sich die jüdischen Sozialisten folgende Theorie zurechtgelegt, die auf unsere speziellen rumänischen Umstände keineswegs passte: Es giebt in der Gesellschaft zwei Klassen, die der Ausbeuter und die der Ausgebeuteten. Die ersten kennen keine Brüder, weder vom nationalen, noch vom religiösen Standpunkte, sie vereinigen sich miteinander, um gegen die Proletarier zu kämpfen. Darum müssen sich auch diese vereinigen, allen Hass vergessen, der sie von einander entfernen könnte, solidarisch sein, um sich der kapitalistischen Raubgier entgegenzusetzen. Und wenn Jemand den Arbeitern sagt, sie hätten nationale und religiöse Interessen, so lügt er, er will sie beschwindeln, durch Zwist sie entzweien; er ist ein Feind des Proletariats. Scheinbar war die Politik der Partei konsequent und dieser Theorie treu geblieben. Aber schon am Beginn der Bewegung konnte man bemerken, dass die Juden auch in der Partei als Leute eines etwas niedrigeren Grades betrachtet wurden. In der Partei selbst fanden sie nie zu einem ganz hohen Amte Zutritt, trotz ihres von Jedem anerkannten Eifers. Ich bin vielleicht der Erste, der deswegen den früheren sozialistischen Anführern Vorwürfe mache, und die Ungerechtigkeit dieses Zustandes war auch mir früher nie aufgefallen. Zu jenen Zeiten hätte niemand an so etwas gedacht. Man sagte immer, die wichtigsten Parteiämter müssten von Christen eingenommen sein, damit die bourgeoisen Parteien nicht erfahren sollten, dass die Mehrzahl der Sozialisten aus Juden bestände. Man dachte nicht daran, dass unsere internen Posten von den Landesgesetzen unabhängig wären und dass unser Erfolg nicht könnte und nicht sollte von der Meinung abhängen, welche die Bourgeois über unsere Bewegung hatten. Aber, wie gesagt, zu jener Zeit wäre es keinem jüdischen Sozialisten eingefallen, dass man ihm Unrecht täte. Die Juden arbeiteten energisch, gaben ihre Fähigkeit der Partei und verlangten dafür keine Belohnung. Langsam gingen ihnen aber die Augen auf. Sie hatten immer mehr Gelegenheit zu sehen, dass man sie ausbeutete, dass man sie nur als Tagelöhner benutzen wollte, um die Interessen Anderer zu fördern. Sie bemerkten, dass man ihre Sache verriet. In der „Liga" zur Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes, für welche die sozialistische Partei alle demokratisch denkenden Menschen warb, nahm man auch judenfeindliche Mitglieder auf, von denen, die sich für die Wahlreform erklärten, aber — „ohne die Juden". In den intimen Kreisen der Partei versicherte man, es werde nichts schaden, man müsse solche und andere Kompromisse machen, man müsse sogar dem Teufel die Hand reichen, bis man den schmalen Steg überschreiten werde. Nachher, wenn wir das allgemeine Wahlrecht haben, wenn