Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Sozialismus und Judentum in Rumänien
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 3)
- Language
- German
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321 B.Xibrescu: Sozialismus und Judentum-in Rumänien. 322 langen kann, sich einer Bewegung anzuschliessen, welche beabsichtigt, diejenige Gesellschaftsordnung zu vertilgen, deren reaktionärste Verteidiger sie sind. Aber noch weniger empfänglich für die sozialistische Propaganda waren die Bauern. Denn diese waren alle Eigentümer, Besitzer eines noch so winzigen Stückchens Boden, und obwohl sie eigentlich die Sklaven der Grossgrundbesitzer, obwohl sie für viele Jahre bis über den Kopf verschuldet waren, obwohl sie grösstenteils in einer im Auslande garnicht verständlichen Armut lebten, trotzdem waren und sind sie die grÖssten Anbeter und Förderer des Privateigentums. Und wie konnte die Bauernschaft, die in der krassesten Unwissenheit gehalten wird, das Ideal der Sozialisten verstehen? Diese sahen also, dass das Element, auf welchem sie sich stützen wollten und das die nötige Zahl einer Partei hergeben sollte, nicht, auf dem Lande zu suchen sei. Aber während man noch theoretisch grübelte, während man überallhin den Weg abtastete und noch herumsuchte, an wen man sich wohl wenden konnte, wenn man vom Himmel der Theorie auf den rauhen Boden der Praxis herabsteigen würde, näherte sich immer mehr dem Sozialismus ein Teil der Bevölkerung Rumäniens, der am meisten die neuen Ideen verstehen konnte. Es waren dies die Juden, die jüdischen Arbeiter, nachdem die jüdischen Intellektuellen der neuen Partei ein verhältnismässig grosses Kontingent abgegeben hatten. B. SCHATZ. DIE WAHRSAGERIN. In allen Ländern ist der Reichtum der Juden sprichwörtlich; bei den Franzosen ist sogar das Wort „juif" gleichbedeutend mit „reich". Eine Ausnahme macht aber Rumänien. Wir haben ja auch reiche Juden; früher zählten auch einige zu den reichsten Leuten des Landes; aber es waren deren sehr wenige. In der grossen Bourgeoisie waren die rumänischen Juden immer sehr schlecht vertreten; der grösste Teil der wohlhabenden gehörte zur mittleren und kleinen Bourgeoisie, dessen tätigsten, wichtigsten Teil sie bildeten. Was aber die grosse Masse der rumänischen Juden betrifft, so waren und sind sie schwer arbeitende Handwerker nach altem Muster oder Proletarier im jetzigen Sinne des Wortes. — Ausserdem hat sich in den letzten zwanzig Jahren unser materieller Zustand noch viel verschlimmert. Die Ausnahmsgesetze, die antisemitischen administrativen Massregeln und die judenfeindliche, durch die rumänischen Bourgeois provozierte Strömung, waren die Ursachen des raschen Verfalles der jüdischen Gesellschaftsklassen. Das Elend nivellierte sie. Die grossen Bourgeois wurden in ganz kleine verwandelt oder gingen direkt ins Proletariat über; der grösste Teil des früheren Kleinbürgertums wurde vom Proletariate verschlungen. Dieses existierte früher überhaupt nur durch die Juden; denn diese waren unter den ersten Arbeitern der allerdings spärlichen modernen Fabriken. Wenn ich noch hinzufüge, dass es unter den Juden fast keine Analphabeten gab, dass sie im Durchschnitte intelligenter als die Anderen waren, dass sie mehr litten als die Rumänen vom entsprechenden sozialen Niveau,