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Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 319 - 320

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Sozialismus und Judentum in Rumänien
Date
1903-05-01
Page
Seite 319 - 320 (sequence 2)
Language
German
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319 B. Librescu: Sozialismus und Judentum in Rumänien. 320 war zu jener Zeit, vor der Konzentrierung in Bukarest, das Athen Rumäniens. Sie stand, sowohl in ökonomischer, wie auch in intellektueller Beziehung, in voller Blüte. Das sehr geeignete Terrain der damaligen Jugend erleichterte die Arbeit der ersten sozialistischen Propagandisten. Wenn man nämlich den Geisteszustand der damaligen Jugend mit dem der heutigen vergleicht, muss man sich wundern, dass ein solcher Umschwung, eine solche Decadence in so kurzer Zeit möglich war. Wie hat der ehemalige Idealismus so völlig verschwinden können, um praktischen und interessierten Tendenzen Platz zu machen? Während jetzt das antisemitische Unkraut so rasch und so hoch wächst, war früher die Jugend — namentlich in der Moldau — für die humanitärsten Ideen empfänglich. Während die jetzige Bevölkerung der Gymnasien und Universitäten nicht einmal die nationalen rumänischen Dichter kennt, während sie jetzt korrupt ist vom Scheitel bis zur Sohle, war die frühere Generation noch bis 1890—1895, von den edelsten Gefühlen durchdrungen und voll Interesse für jedes geistige Schaffen und Wissen. Ein neues Sonnet eines berühmten Dichters gab Anlass zu den wärmsten Gesprächen; man vergass den Schlaf wegen einer wissenschaftlichen Diskussion. Es wurden Freundschaften geschlossen, wie sie nur durch gemeinsames Denken und durch Begeisterung für dieselbe grosse Sache entstehen. Und in dieses schöngeistige Leben mischte sich auch die jüdische Jugend, die voll Begierde, ihre Begeisterung in Taten umzusetzen, bald die grösste Tätigkeit an den Tag legte. Aber die jüdische Note war in diesem Konzert nicht herauszuhören, unser Element machte sich nur durch seinen Fanatismus und seine Energie kenntlich. — Erst vor Kurzem hatte ein Teil der Juden eine neue Haut angenommen. Die Väter trugen noch den Kaftan und die „Pejes" oder hatten diese Locken mit verschämter Geste kaum hinter die Ohren gekämmt und den langen schwarzseidenen Rock kaum etwas verkürzt; die Väter hiessen noch Itzig ben Mosche und „lernten" noch Talmud, obwohl schon viel Maskilim-Wind in ihre Beth-Hamedrosch-Luft hineinwehte. Die Söhne aber begannen sich schon ordentlich mit ihren Eltern zu schämen — wie echte Fortschrittsmenschen, und bedeckten die Blosse ihrer jüdischen Namen mit echt rumänischen Weinblättern: sie holten sich von der einheimischen Sprache die Endungen scu und eanu. Fein rasiert und mit möglichst modernen Kleidern ausgestattet, leugneten sie vor sich selbst, dass sie je von einem anderen Volke abstammten, als von den Veteranen Trajan's, der die Rumänen — also „uns" — hier kolonisiert habe; sie wunderten sich, dass sie jüdische Väter haben konnten, — so wie sich die „precieuses ridicules" von Moliere über ihren Vater wundern. Auf jene Zeit würde sehr gut die Schilderung der „Kleinbürger" von Gorki passen, wenn man sie auf das jüdische Leben adaptieren möchte. — Die neuen Rumänen gingen gleich an das äusserste Extrem, sie wurden die fanatischesten in Allem. Glücklicherweise konnten sie nicht immer weiter auf demselben Weg wandern, denn die Rumänen — die wahren, das heisst die Graeco-, Bulgaro-, Serbo-, Latino - Rumänen — sorgten dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen sollen und versetzten von Zeit zu Zeit einen kräftigen Stoss den neuen frechen Konkurrenten im Patriotismus. So kamen diese doch zu sich, verfielen aber bald wieder in ihre ungebetene Sympathie und fühlten sich von Neuem geschmeichelt, wenn ein interessierter Rumäne ihnen versicherte, „man erkenne gar nicht, dass sie Juden wären." Unter dieser Generation unserer Juden, unter den intelligentesten und gebildetsten, rekrutierte die sozialistische Bewegung ihre Mitkämpfer, die späteren unentbehrlichsten Propagandisten des Sozialismus. Man hätte also von ihnen nicht erwarten können, dass sie eine jüdische Note in die Bewegung mitbringen, — sie, die sich bemühten, alles Jüdische abzustreifen. Solange sich der Sozialismus in den Schranken der Theorie hielt, beteiligten sich nur die Intellektuellen, sowohl Rumänen wie Juden. Als man es aber satt hatte, dem Papiere über die bourgeoise Gesellschaft zu klagen und in korrekter Sprache, in Zeitschriften, die soziale Revolution hoch leben zu lassen, trat ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der Bewegung ein. Dem Auslande wollte man es nachmachen, eine grosse Partei wollte man gründen, die an allen politischen Kämpfen teilnehmen und die ökonomischen Interessen des arbeitenden Volkes vertreten sollte. Da stiessen die rumänischen Sozialisten sofort auf ein grosses Hindernis. In Rumänien gab es keine eigentlichen Arbeiter, Arbeiter im Sinne der grossen industriellen Länder. Der grösste Teil unserer ärmeren Bevölkerung bestand und besteht aus Bauern, aus Landarbeitern. In Rumänien begann die eigentliche Bourgeoisie erst nach 1848 sich zu entwickeln; das Aussehen und die Gewohnheiten ihrer Schwester vom Occident nahm sie kaum vor ungefähr dreissig Jahren an. Aber in Allem konnte sie der letzteren nicht ähnlich werden, weil in einem Agrikulturland die Unterschiede der sozialen Klassen weniger accentuiert, die Uebergänge weniger schroff sind, — wegen der vielen zwischen den zwei extremen Klassen vermittelnden Teile. In den Städten leben die Arbeiter der kleinen Werkstätten in der steten Hoffnung, selbständig zu werden und auf eigene Rechnung eine Werkstätte zu besitzen, — was übrigens nicht sehr schwer ist. Das kleine und kleinste Bürgertum, die Werkstättenbesitzer, die kleinen Kaufleute, die Hausbesitzer der billigen ebenerdigen Häuser, die Staatsbeamten: alle arbeiten sie schwer und ohne Ordnung. Sie arbeiten mehr als die organisierten Arbeiter des Auslandes und verdienen viel weniger. Viele von ihnen leben in der grössten Armut, sind aber zu stolz, um sich mit den „einfachen Arbeitern" zusammenwerfen zu lassen; sie hoffen ja, „etwas zu werden". — Es ist also klar, dass man von diesen Kleinbürgern nicht ver-

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