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Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 301 - 302

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Bibel und Babel
Date
1903-05-01
Page
Seite 301 - 302 (sequence 7)
Language
German
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301 Bibel und Babel. 302 verdunkelt hat. Deshalb besitzen wir nicht den grössten Teil des fünften Buches 'der Annalen des Tacitus. Dio Cassius ist für diese Zeit nicht mehr erhalten. Der Passus des Josephus, in welchem er von Jesus von Nazareth sprach, ist von den christlichen Abschreibern gestrichen und durch einen anderen falschen ersetzt worden, den der Jude und Freund der Römer niemals geschrieben hat. Die Evangelien, die ein Jahrhundert nach Jesu Tode in ihrer jetzigen Form entstanden, haben die ganze Geschichte Jesu in einem unrichtigen Lichte dargestellt: nicht die Juden die gar kein Interesse daran hatten, ihn zu töten, sondern die Römer haben ihn als Empörer gegen den Kaiser den römischen Kreuzestod sterben lassen, der bekanntlich von den Juden nie verhängt wurde. Alles dieses ist nicht neu, doch sehr wahr. Desto eher eben durfte Herr D. seine kritischen Fähigkeiten nicht gegen diese die Basis des Christentums bildende Legende zur Verwendung bringen. Um nun die Gefahr abzuwenden, die dem Verfasser des zweiten Vortrages zu drohen schien, hat er es für gut befunden, eine Vorrede zu seinem Büchlein zu schreiben, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun hat. Er opferte die wissenschaftliche Entwicklung seiner Ideen seinem persönlichen Interesse, oder besser gesagt, dem, was er irrigerweise für ein solches hält. Wir haben nun das Recht, auf diese Vorrede des „Germanen" zuzukommen. Wir begrüssen den Autor als den ersten Christen, der das Gebot, die zu segnen, die uns fluchen, in Ausführung bringt. Jesus selbst, der einen Feigenbaum flucht, weil er keine Früchte trägt, in einer Jahreszeit, wo er keine haben kann, hat doch wenigstens nicht verlangt, von diesem Feigenbaum gesegnet zu werden. Die stoische und essenische, dem Gefühl des Menschen geradezu zuwiderlaufende Uebertreibung ist auch der Geschichte des Christentums fremd geblieben. Auf den Concilien von Nicäa, Constantinopel, Ephesus, Chalcedon, den Laterannischen, und selbst auf dem von Constanz hat man verurteilt, der fromme Schurke Calvin Hess den Spanier Michel Servet verbrennen, die Inquisition hatte als Motto Justitia et Misericordia, und alle diese handelten im Namen des Christentums. Ueberall, wo Menschen sind, geschehen Ungeheuerlichkeiten, aber begeht ein Jude, ein Muselmann und Buddhist ein Vergehen, so ist es nicht ein Jude, ein Muselmann oder ein Buddhist, der sich dieser Ausschreitung schuldig gemacht, sondern das Judentum, der Islam der Buddhismus sind die Schuldigen. Die Vorrede des Herrn D. giebt uns das Recht, zu beweisen, dass das Christentum, die einzige Religion ist, die als Religion nicht allein die Bekenner anderer Religionen, sondern namentlich die eigenen Glaubensbrüder verfolgt und vernichtet hat. Der Verfasser spricht auch vom Islam, den er platterdings nicht kennt. Alle, die in mohamedanischen Ländern längere Zeit gelebt, werden darin übereinstimmen, dass dort die Duldung Andersgläubiger gepflegt wird, wie nirgends. In Bagdad ziehen katholische Prozessionen durch die Strassen, während sie in Paris oder Berlin verboten sind. Herr D. scheint die erste Sura des Koran zu kennen, welche lautet: „Lob sei dem Gott, Herrn der Welten, dem barmherzigen Allerbarmer, dem Könige des Tags und des Gerichts. Führe uns den rechten Weg, den Weg derer, denen du gnädig bist, nicht den Weg derer, denen du zürnest, noch den der Irrenden. Amen!" Aber eine andere Sura befiehlt den Gläubigen, die Kirchen und Synagogen zu ehren, denn auch dort werde Gott angebetet. Das wirkliche Glaubensbekenntnis ist aber nicht die Fatha, die wir eben citiert, sondern der Taaurid, 40. Sura: Sage ihm: Gott ist einer, Gott ist ewig; er erzeugt nicht und wird nicht erzeugt, und hat Niemand seinesgleichen." Der Islam, wie das Judentum, ist eine rein monotheistische Religion, und wenn er fanatische Anhänger hatte und noch hat, hat er nie nötig gehabt, sich mit Feuer und Schwert auszubreiten. Die Errungenschaften der Araber haben, ohne Feuer und Schwert, Nordafrika und Spanien dem Koran unterworfen, und noch heute, ist, ohne Feuer und Schwert, der Islam die einzige Religion, die Fortschritte in ihrer Verbreitung macht. Während des ganzen Mittelalters hat die mohamedanische Wissenschaft griechische Kultur gepflegt; man lese Hammer- 'Purgstall und Cramer. Ein christlicher Bischof, der Mörder Cyrillus, verbrannte unter Theodosius (380) die Bibliothek von Alexandrien. Der arme Kalif Omar hätte dieses mit dem besten Willen nicht tun können, denn der byzantinische Reisende Theophylaktos Simocatta sah ein Jahrhundert vor Muhmamed nur noch die leeren Schränke. Wissenschaft und Philosophie blühten im mohammedanischen Occident und im Orient höher als im christlichen Europa, und wenn die Kreuzzüge ein so jämmerliches Ende nahmen, so lag der Grund darin, dass damals die Kultur des Is-

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