Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 303 - 304

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Bibel und Babel
Date
1903-05-01
Page
Seite 303 - 304 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583910-2587097--02808-2587184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

303 Bibel und Babel. 304 lams der des Abendlandes, überlegen war. Silvester de Sacy wurde von. arabischen Gelehrten gefragt, woher es denn komme, dass der Orient von dem einst weniger zivilisierten Europa überflügelt sei? Der grosse katholische Gelehrte antwortete, es sei diese Ueberlegenheit des Westens die Folge der Entwickelung der Naturwissenschaften und der Philosophie in den letzten Jahrhunderten. Das grosse achtzehnte Jahrhundert hat politisch und religiös einen Umschwung herbeigebracht, dem die Erfindungen des jetzt abgelaufenen neunzehnten eine tatsächliche Anwendung verliehen haben. Wenn nun der Papst diese neuen Ideen und ihre Verwirklichung als eine antichristliche Kultur bezeichnet, so hat er Recht in dieser Kritik, auch einer rein europäischen Gesittung. Die Glaubensbekenntnisse mehr oder minder hochgestellter Persönlichkeiten kommen hier nicht in Betracht, es kämpft die Kirche gegen die Einrichtungen und Entdeckungen der Neuzeit; und seit dem 20. September 1870 giebt es keinen christlichen Staat mehr. Was die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende bringen werden, wissen wir nicht. Nur so viel können wir ahnen, dass es nicht so bleiben wird, wie es heute ist. Was einen Anfang hat, muss auch ein Ende haben. Alle diese Betrachtungen waren nötig, um vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus durch einfache Richtigstellung unbestreitbarer Tatsachen die unhaltbaren Behauptungen des Herrn Delitzsch wegzufegen. Wenn diese Ausführungen auf Babel, und nicht auf Bibel Beziehung haben, so ist dieses nicht unsere Schuld. Aber diese Auseinandersetzungen haben eine viel grössere Tragweite, als die einer rein orientalistischen Diskussion. Wir folgen dem Wahrspruch Rabbi Hillel's, nicht zu thun Andern, was wir nicht wollen, dass Andere uns thun: es scheint uns dieses viel ausführbarer, als das unmöglich zu befolgende Gebot, Andern das zu thun, was man wünscht, dass uns gethan werde. Das kann ich nicht. Da wir dem Herrn D. nie geflucht, haben wir auf seinen Segen keinen Anspruch. Hätte er uns je gehasst, so würden wir ihn freilich nicht lieben, aber ihm doch zu trinken geben, wenn er dürstete, und speisen, wenn er vom Hunger litte: bei dieser praktischen Ausübung steht sich ja der Feind auch besser, als mit unserer Liebe. Aber wir haben auch die Pflicht, endlich einmal entgegenzutreten diesem verwerflichen Streben, das vielleicht ohne böse Absicht dem Vorschub leistet, was man mit einem in Deutschland entstandenen Namen Antisemitismus nennt. Diese Seuche auszurotten, ist jedes anständigen Menschen Pflicht, welchem Glauben er auch angehöre. Wir haben die Pflicht uns endlich einmal zu wenden gegen diejenigen protestantischen Pastoren, die mit mythologischen und eschatologischen Betrachtungen die Fahnenflucht der deutsch-jüdischen Renegaten beschönigen. Denn sähe man nur auf das über solche Auslassungen frohlockende Pervertitengesindel, und nähme man nicht in Betracht die grosse Mehrheit der Juden, welche die Sache von dem Gesichtspunkte des wirklichen Fortschrittes der Menschheit betrachten, so könnte man wirklich glauben, dass die Juden noch viel niederträchtiger sind, als die Herren Stöcker und Ahlwardt dieses behaupten. Wir können dem Herrn D. nur dankbar sein, uns die Gelegenheit geboten zu haben, im Interesse der allgemeinen Gesittung, welche für den Fortschritt der Civilisation arbeitet, nun einmal gegen diese Auswüchse schneidend aufzutreten. Wir haben dieses mit möglichst grosser Milde gethan: vieles von dem haben wir verschwiegen, was wir hätten sagen können und sollen. Doch kommen wir vielleicht noch einmal auf diese Fragen zurück. Es kann in Babel und Bibel Manches gesagt sein, was verständig ist: manches ist indessen doch verschwiegen? Es muss seit den Jahrtausenden, wo die menschliche Gesittung entstanden ist, manchen gegeben haben, der die Ideen der Bibel geahnt und ausgesprochen hat. Aber dieses kann den Wert dessen, was das Buch enthält, nicht schmälern. Wir sind der Ansicht des hohen Herrn, die uns viel richtiger erscheint als die unseres guten Kollegen. Diese Ausstellungen sind von keiner Bedeutung. Denn trotz aller möglichen unbekannten Geister, trotz des hochseligen Königs Amenophi IV., von dem unser Autor viel zu wenig, das heisst gar nicht spricht, trotz aller erdenklichen Mittel, den Ruhm Israels zu schmälern, so steht doch eines fest, und ist durch keine subtile Argumentation zu vernichten: Israel ist, als Nation, das einzige Volk des Altertums, welches den Glauben an einen Gott aufrecht gehalten, und Israel ist das einzige Volk des Altertums, welches deshalb heute noch lebt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.