Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Bibel und Babel
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Bibel und Babel. BOO hebräischen c*n gemeint ist. Dieses ist keine Gazelle, sondern ein Büffel. Im Psalm handelt es sich nicht um einen Gazellen-, sondern um einen Büffeltanz. Manches Spezielle Hesse sich noch hinzufügen: so kann ich dem Herrn D. erklären, dass die Beromim im Hesekiel die im Altertum berühmten babylonischen Teppiche mit Zeichnungen bedeuten. Aber alles dieses sind doch nur Kleinigkeiten, Anekdoten, Vermischtes. Wir können auch manche Eigennamen nur aus dem Assyrischen deuten, zum Beispiel die Namen der Königin Athalia, whty welches soviel heisst wie Gedalia. Aber was bedeuten diese wenigen Fälle der ungeheueren Masse der assyrischen Wörter gegenüber, deren Sinn wir nur aus den semitischen Lexicis, namentlich aber aus dem hebräischen oder chaldäischen erklären können? Was verständen wir denn von den Inschriften Ninives und Babylons, ja könnten wir in diesen Urkunden lesen, wenn wir nicht als Aushülfe für die fehlenden Wörterbücher der assyrischen Sprache wenigstens die der Arabischen, Syrischen, Chaldäischen, Hebräischen und Aethiopischen hätten. Wir könnten nicht einmal die Namen der Könige Sanherib, Merodachbaladan, Neriglissor lesen. Durch die biblischen Urkunden allein wissen wir, dass die Götternamen Merodach, Nergal Sin waren. Und nun erst die juristischen Texte, die nur durch die vom Thalmud dem Babylonischen entlehnten Ausdrücke zu erklären sind. Der eigene Vater des Herrn Delitzsch hat Jebamoth und anderen Traktaten die Namen der vier Winde und der Weltgegenden in den assyrischen Inschriften deuten können. Es giebt allerdings noch hebräische Ausdrücke, die dem Assyrischen, und namentlich dem Sumerischen angehören, wie Srn o:nn und andere sehr wenige mehr, aber für die Exegese der Bibel, für die Erkenntnis des Sinnes der Stellen hat dieses wenig zu bedeuten und unsere Einsicht in die wirkliche Erklärung der Bibel schlechterdings um nichts gefördert. Die Leute, die auf das Assyrische und Herrn D. hofften, um über die hebräische Bibel herzufallen, und dieselbe vom babylonischen Standpunkt zu verkleinern, werden nicht auf ihre Kosten kommen. Wir haben kein Recht, die Beweggründe zu untersuchen, die Herrn D. zwischen dem ziemlich bibelfreundlichen ersten Stadium auf das ziemlich bibelfeindliche hinüberführte. Wir sehen auch nicht ein, was in einer Vorlesung über die Verwandtschaft der babylonischen und der biblischen Kultur die Frage von der Offenbarung zu suchen hat. Wir erinnern an die richtige Antwort des Marquis. de Laplace an den Kaiser Napoleon. Letzterer drückte dem berühmten Verfasser der Mechanik der Himmelskörper sein Erstaunen darüber aus, dass in seinem ganzen Werke nicht von Gott die Rede sei. Der grosse Mathematiker antwortete dem grossen Kaiser auf dessen wunderliche Bemerkung: „Sire, je n'avais pas besoin de cette hypothese"; lass unsern Herrn Gott aus dem Spiele; was sich auch Herr D. sagen kann. Da er dieses aber nicht getan hat, muss er es sich auch gefallen lassen, dass einer dasselbe Spiel wählt und die Karten trumpft, die er auf den Tisch geworfen. Habeat sibi. Niemand hätte es dem Herrn Delitzsch verdenken können, wenn er, den Ergebnissen der neueren Wissenschaft folgend, die in der Bibel berührten historischen Fakten durch die jüngsten Errungenschaften hätte beleuchten und erklären wollen. Viel weniger kommt dabei heraus, als er selbst vorgiebt, und für eine vorurteilsfreie Kritik ist es auch nicht für die biblischen Bücher gefährlich. Es glaubten indessen dieses den Juden als solchen feindlichen Elemente, und Herr D. bestätigte diese in ihren unintelligenten Angriffen. Aber die Kombattivität des Babel und Bibelhelden trieb ihn weiter: erhielt sich nicht an dem alten Testamente, sondern griff auch das neue an. Das war zu viel. Das hebräische, jüdische Buch durfte er angreifen, so viel er wollte, aber das christliche! Da rief man ihm zu: Bis hierher und nicht weiter! Man hatte Recht. Denn am historischen Teil des alten Testamentes ist wenig zu mäkeln. Was wir haben, entstand in der Zeit selbst, und die gleichzeitigen Quellen bestätigen alle die in dem hebräischen Texte überlieferten Tatsachen. Anders aber verhält es sich mit dem viel angreifbareren, und viel verwundbareren Neuen Testamente, in welchem die geschichtlichen Angaben mit der wirklichen Geschichte im Widerspruche stehen. Vom ersten Kapitel des Matthäi bis zum letzten des Johannis ist das Meiste wissenschaftlich nicht zu verteidigen. Auf die Einzelheiten haben wir hier nicht einzugehen — davon ein andermal — und seit dem unübertroffenem Buche von David Friedrich Strauss sind doch wichtige Elemente zur Beleuchtung des historischen Charakters der Darstellung hinzugekommen, obgleich die systematische Vernichtung aller römischen und griechischen Quellen, die sich auf die Jahre 29 bis 33 beziehen, die Wahrheit