Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 279 - 280

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Jüdische Volkslesehallen
Date
1903-04-01
Page
Seite 279 - 280 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583909-2586993--02783-2587065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

279 Dr. Th. Zlocisti: Jüdische Volkslesehalien. 280 an unsere Tore heult und tobt. Sondern weil wir soviel ewiges Leben, soviel Kräfte und Töne, soviel Wonnen und Zauber im Judentum gefunden und sich zu eigen gemacht hatten. Das Judentum brauchte nicht wieder geboren zu werden. Denn es war nicht tot. Nur in uns sollte es wieder seine Renaissance feiern, und weil der alte Wissensdrang in uns lebt, der Wunsch, zu beglücken und zu bereichern, all wo 'wir selbst reich wurden und glücklich, wiesen die Heimgefundenen zu den Quellen innerer Beglückung. Viele Wege führen dorthin. Aber der Hauptweg ist die Kenntnis des Judentums. Denn unser Judentum kennen und es lieben und sich ihm weihen, ist eines. Es ist nur natürlich, dass jener zwar noch kleine, aber durch seine leidenschaftliche Stammesliebe zu intensiver Arbeit gespannte Kreis jüdischnationaler Männer die ersten und nachhaltigsten Anregungen für die Wiedergewinnung der Judenheit fürs Judentum gab. In dem Kolonisationsverein für Palästina, dem „Esra", hatten sie sich zusammengefunden. Bald aber loderten ihre Feuersignale an den verschiedensten Ecken, in den verschiedensten Formen auf. Der wackere Verein für jüdische Geschichte und Litteratur wurde begründet, dem in schneller Folge Brüdervereine folgten, die sich bald zu einem festen Verbände zusammenschlössen. Jüdische Studentenorganisationen traten auf den Kampfplan. Die Logen wurden lebendiger und richteten ihre Aufmerksamkeit über ihren engen Kreis hinaus auf ein grösseres Judentum. Langsam war auch der Besitzstand an jüdischen Werken bereichert worden. Eine noch unbeholfene, oft tendenziös verzerrte jüdische Belletristik wagte sich hervor. Werke, die das Edelmetall unserer Litteratur zu gangbaren Werten ausmünzten, wurden häufiger. Die jüdische Journalistik trieb neue Zweige. Ein Blatt nach dem andern kam ans Licht. Das sich neu belebende Interesse führte bald zu vielgegliederter Differenzierung, nach dogmatischen, örtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen Interessen. Die Horizonte erweiterten sich. Die grossen Ausweisungen schufen neue Krystallisatiohspunkte für jüdische Gemeinden in den fernsten Landen. Das wachsende Brudergefühl fühlte uns auch die versprengten Teile unserer Gemeinschaft näher. Aus der gemeinsamen und nur lokal verschieden gefärbten Not erwuchs das Verlangen nach gegenseitiger Befruchtung und neuer Einheit. Was Zunz achtzig Jahre zuvor als einen Häuptteil der Wissenschaft des Judentums — vergebens — gefordert hatte: Die Kenntnis der gegenwärtigen Lage der Gesamtjudenheitals die Voraussetzung aller Sicherung für die Zukunft — korinte nun sich erfüllen. Waren auch die einzelnen jüdischen Zeitungen nur geringwertig, so fügte sich aus der Zusammenfassung aller Zeitungen doch ein Bild, dem schärfer Sehenden ein Bild bewegten Lebens. Auf dem Wege zur Rejudaisierung musste eine wichtige Station geschaffen werden: die jüdischen Lesehallen und Bibliotheken. Die Gemeinden zeigten noch keine innere Bewegung. Ihre Pflichtvergessenheit war noch ebenso gross wie ihre Verständnislosigkeit für den Wandel der Zeiten. So traten denn private Institutionen ins Leben. Berlin machte den Anfang. Der Comm.-Rat Julius Isaac errichtete für den Geschichtsverein in seinem Hause eine Lesehalle, die aber nicht recht florieren wollte und bald einging. Auf die unermüdliche Anregung des jüdisch - nationalen Vereines Jung-Israel vereinigten sich spätere der Geschichtsverein, die Logen, der russisch-jüdisch-wissenschaftliche Verein, die jüdische Humanitätsgesellschaft zu gemeinsamer Arbeit. Mit dem Beginn des Jahres 1895 war die Berliner Judenheit um eine bedeutsame und verheissungsvolle Einrichtung bereichert. Indem wir auf die kurze aber wrandlungsreiche Geschichte der jüdischen Volkslesehalle zurückblicken, heut, da der Berliner Verein sich anschickt in ein neues, grösseres und schönes Heim einzuziehen, denken wir mit Freuden der unermüdlichen Arbeit des ersten Vorsitzenden Herrn Prof. Dr. M. Philippson und des nunmehr verstorbenen Herrn Comm.-Rats Julius Isaac. Entgegen allen kleinlichen Strömungen und einseitigen Treibereien haben sie einsichtsvoll eine unparteiliche allen Juden offenstehende und allen Bedürfnissen entgegenkommende Institution geschaffen. Allein nicht zuletzt die nie erlahmende Opferwilligkeit der Familie Adolf Ginsberg, der auch der jetzige umsichtige und gewissenhafte Leiter der Lesehalle, Dr. Max Ginsberg, angehört, hat dem Verein über alle materiellen Schwierigkeiten hinweggeholfen und dahin gewirkt, dass die Lesehalle eine im edelsten Sinne jüdisch - volkstümliche Einrichtung wurde. Die „jüdische Lesehalle und Bibliothek" zu Berlin ist für viele Städte im Reich vorbildlich geworden. Was aber von besonderem Wert ist: viele Gemeinden haben die Lesehalle als ständige Institution in ihren Aufgabenkreis eingefügt und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.