Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Jüdische Volkslesehallen
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 1)
- Language
- German
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277 278 JUEDISCHE VOLKSLESEHALLEN. Von Dr. Th. Zlocisti. ADOLF GINSBERG h 1 (Zum Artikel „Jüdische Volkslesehallen"-) Mein Freund, der Mathematiker, pflegte zu sagen: Es giebt zwei Sorten von Juden, diejenigen, die nichts Jüdisches lesen, und diejenigen, die nicht viel Jüdisches lesen. Also sprach er; und mit Beharrlichkeit und Leidenschaft verfocht er seine Thesen immer, wenn es galt, die zersprengten Reste unserer Nation zu sondern und zu schichten. Sprache, Milieu, Erziehung- und Bildungsgang, Staatszugehörigkeit, soziale Differenzierung waren ihm nichts- Ihm galt nur das Lesen jüdischer Drucksachen etwas. Und wirklich: So ganz unrecht hat er nicht. Jeder, der in stiller oder tönender Arbeit für die Belebung bewussten Judentums in unserer Gemeinschaft eintritt, weiss, wie schwer gerade die Umwandlung unserer Brüder in lesende Juden ist. Weil so das gedruckte Wort seines regenden Einflusses verlustig geht, bleibt oft ernsteste Regularisierungsarbeit ohne stetigen Erfolg. Der dauernde Anreiz fehlt. Der Stachel im Gemüt. Es hatte der Unterlassungssünden gar mancher und schwerer bedurft, um diese Scheu vor dem Druckwerke jüdischen Gehaltes zu zeitigen, zu fördern, zu steigern. Die Umwandlung der jüdischen Gemeinde zu einem Verwaltungskörper, wie Zeit und Gesetz es heischten, hat keinen Ersatz für die alten Erziehungsmethoden und Bildungsmöglichkeiten der Gemeindemitglieder gebracht. Man wollte reformieren, d. h. Wesensartung und den kernigen Gehalt des Judentums den Forderungen der Zeit anpassen. Und man hat nichts anderes erreicht, als einem eisigen Schneemann, der roh zusammengerollt und knabenhaft modelliert war, einen modischen Frack umzuhängen. Das war dann das gerettete Judentum. So konnte sich die merkwürdige und in der Geschichte menschlicher Kultur wohl nur einmal manifestierte Wirrnis ergeben, dass Mangel an Kenntnissen — Besitz an Bildung bedeutete. Je weniger man vom Judentum wusste, für um um so gebildeter JULIUS ISAAC h"l (Zum Artikel „Jüdische Volkslesehallen".) wurde man gehalten. Und wer nicht für beleidigend ungebildet gelten mochte, musste wenigstens so tun, als wüsste er von jüdischer Lehre und jüdischem Brauche nichts. Dabei war der Drang zur Bildung — dieser Grundzug jüdischen Wesens — durchaus nicht verschüttet, nur war er auf andere Gebiete geleitet. Es hat so sein eigenes Interesse, die Umsetzungen jüdischer Eigenart zu verfolgen. Wie die alten Qualitäten und die Bedürfnisse der Seele — oft kaum wiederzuerkennen — in neuen Zeiten sich vermummen oder umformen. Diese mächtig wirkenden Kräfte in ihren mannigfachen Gestaltungen hätten die Reformer kennen müssen. Jeder Reformer muss ein prophetischer Volkspsychologe sein. Die aber unser Judentum in das neunzehnte Jahrhundert hineinhoben und es so entleerten, dass sie es auf ihren Zwergschultern durch die Dezennien tragen konnten, was wussten die von unserem Leben, von ihrem Leben? Die Lesefreudigkeit, die die Männer ins Beth-Hamidrasch führte, und die unseren Müttern ergötzliche Sabbathstunden bei der Anekdotenweisheit des Zeeno Urenno schuf, wälzte sich auf die Tagespresse, auf bleichsüchtige Zeitschriften und syrupige Romane. Aus den Jünglingen, die einst das Psalmenwerk auswendig kannten, wuchs die böse Sekte der „ästhetischen Juden" und der Litteraturbuben. .Und die Männer studieren das Tageblatt und die Frauen und Mägdelein wissen alles, was unter dem Strich steht. Aber vom Judentum war da nichts zu finden. Da sandte uns unser Gott den Antisemitismus. Und so mancher, der da litt um eines Judentumes willen, das er nicht kannte, wollte nun doch wissen, wofür er litt. Und da er sich in die alte Schönheit versenkte, quoll in ihm ein neues Leben auf. Eine Renaissance des Judentums in seiner Seele. Allein nicht mehr, weil draussen der Feind