Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Jacob Plessner
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 271 - 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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271 G. Kutna: Jacob Plessner. 272 Nasenflügel, Oberlippe, Mundwölbung, Kinn von überzarter Bildung. Die breite Seitenfläche unterbrochen durch die zierlich geschwungenen, organischen Linien des Ohres. Das ganze Gesicht von vergeistigter Feinheit, von heimlichem Mienenspiel bewegt. Das Körperliche wie von einem psychischen Hauch überzogen, von einem Hauch einer differenzierten, geistvollen, sehnsüchtigen Seele. Und der Ausdruck des Kopfes spielt dann weiter. In zarter Wölbung spannt sich der Hals und deutet auf einen feinen, sensiblen Körper. Die beiden letzten Arbeiten zeigen eine Fähigkeit zur Darstellung eines wesentlichen Momentes bildnerischer Charakterisierung: Was der Kopf bedeutet und offenbart, in einer Charakteristik wiederzugeben, dass auch der kleinste Ansatz des Körpers diesen Charakter weiterzuleiten vermag. Nur dann wirkt die Darstellung des Kopfes in der Plastik nicht unwirklich und unnatürlich, wenn der Beschauer gezwungen wird, sich den Körper dieses Kopfes weiterzudichten; wenn der ergänzenden Phantasie die Handhabe gegeben ist, sich die natürliche Einheit aus ihrem vornehmsten Teile zur vollen Schönheit auszubauen. „Rudolf Virchow," Eine recht lebendige Darstellung des Gelehrten. Die zähe Energie, der überlegene Verstand, der scharfe Blick, der beissende Witz sind herausgehoben oder angedeutet. Die Stirn biegt sich schroff und etwas kleinlich nach hinten. Das Auge blickt über die Brille hinaus bewusst, klar und kühl auf ein bestimmtes Objekt der Betrachtung; ganz Geist, ganz Bewusstsein, ganz wissenschaftliche Schärfe. Das geistige Wesen ist gezeichnet, in dem der Verstand dominirt, alle Rhetorik und Phantastik verbannt ist. Aber davon ist etwas zuviel gesagt. Der Mangel an Schwung, an Jugend und Dichtung ist zu sehr betont, und darum ist von dem Andern zu wenig. Zu wenig von der Universalität dieses nüchternen Denkens, zu wenig von dem Wahrheitsdrang in dieser wissenschaftlichen Kühle und zu wenig von dem Gerechtigkeitssinn in dieser schneidenden Kritik. „Bettlerinnen von Perugia". Ein umbrisches Städtchen liegt, von weichen Hügellinien umsäumt, stille da. In engen, winkligen Gässchen steht altes Kirchengemäuer, vor den Portalen verwitterter Heiligenschmuck,und welke Gestalten mit Runzeln der Armut stehen daneben. Darinnen schaut zart fromme Schönheit herab auf die Andächtigen. J, PLESSNER. Die Stadt und die Linien der Landschaft, die Kirchen und die Armut an ihren Stufen, um alles haucht alte, still verhaltene Stimmung: misericordia. Aus diesem Stimmungskreis hat Plessner seine „Bettlerinnen" herausgehoben. Verfallen und grau umwittert stehen sie da, hingestellt vom Leben in ihre Ecke, wo sie nun warten und warten, bis man ihnen die Gabe in die Hand drückt. Und so standen sie Jahre lang, zusammen in ihrer Armut und ihrem Alter. Und dann sind sie zusammengewachsen; nun betteln sie gemeinsam. Einst waren sie verschieden, jetzt sind sie beide welk, stehen sie beide in der Ecke an der alten Treppe und blicken mit demselben Augenaufschlag, derselben Bitte auf, wenn sie den Schritt eines Kirchenbesuchers hören. Und nur wenn's still um sie her ist, heben sie sich von einander ab; dann steht Wesen dem Wesen gegenüber, scheidet sich Individuum und Individuum. Die eine blickt nach aussen mit mattem, dumpf gewordenem Blick, aber noch mit Resten praktischer Verstandeskraft. Sie war nie schön gewesen, darum musste sie klug sein. Und so ist sie nun die Führende. Wangen und Lippen liegen schlaff darnieder, schwerfällig zum Leben geweckt durch die Spannung der Gedanken um Augen und Stirne. Das Kopftuch nachlässig geknotet, nach hinten verschoben; die Hände müde entsagend über einander gelegt zum Ausruhen der schlaffen Muskeln, aber noch durchzuckt sie ein letztes Kraftmass von Energie. Die Taschen sind vollgepfropft; der Körper eckig steif, von schwerfälligem Eigenwillen gedrückt, nach unten lastend. Dieses Lastende der Erscheinung bildet einen lebendigen Gegensatz zu der leichteren Schlankheit der Genossin, deren Körper in seinem geschwungenen Linearcharakter die Bewegungsmotive der Gruppe fast allein trägt. Sie war einst hübsch und froh und jung. Sie freute sich an Bändern, an Lachen und Getändel. Dann wurde sie arm und alt, und nun bettelt sie. Aber das hat sie nie vergessen, wie schön es ist, sich schmuck zu machen, zu lächeln und sich führen zu lassen. Das Haar ist glatt gestrichen, das Tuch sorgfältig darum gelegt, Schürze und Kleid sauber geglättet. Die schlanken Hände liegen in lässig weicher Lage, willenloser Passivität hingegeben. Der Oberkörper ist zierlich zur Seite geneigt, wie eine müde Erinnerung längst verschollener Anmut. So blickt sie nach unten, ärmlich und ernst, mit AUF DEM FELDE.