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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 273 - 274

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Jacob Plessner
Date
1903-04-01
Page
Seite 273 - 274 (sequence 5)
Language
German
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273 G. Kutna: Jacob Plessner. 274 trauernder Einfalt; und in all dem spielt ein stilles, halbes Lächeln, ein letztes Abendrot in dunkler Waldesferne. Kindlich weich trotz der langen Armut, zierlich im Alter und empfindlich zart wie ein verzogenes Kind. Sie legt den Arm in den der. anderen, und Fäden spinnen hin und her; und wenn die Berührung innig und still ist, dann kommt ihr ein ferner Schimmer von alter Zeit und malt ihr lächelnde Bilder von Leben, Jugend und Liebe. HIJOB. Von Abraham Reisen. Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zlocisti Eigentlich hiess er Chajim, der Melamed. Aber nicht anvertrauen die Leute im Ort nannten ihn Hijob. Denn er litt wie Hijob . . . Seine Frau war immer krank. Ein schrecklicher Husten peinigte sie. Er klang so tief und hohl, wie ein leeres Fass. Müsste ein Fremder sie husten hören, er würde zusammenfahren und glauben, dass ihr letztes Stündlein gekommen. Chajim freilich konnte ruhig und kaltblütig bei ihrer „Herzmusik" bleiben. Er war daran gewöhnt. Solange er sie kannte, hustete sie schon. Und er wusste es ganz genau: wenn sie abgehustet hatte, war sie wieder „gesund" und hatte dann noch genug Kraft, zu schreien und zu schelten, dass er ihr kein Geld zu Brot gebracht . , . Chajim selbst war auch kein Riese, aber erstlich ist ein Mann keine Jüdene — ihm merkt man die Schwäche nicht gleich an. Und dann hat er für seinen Husten ein Heilmittel: die Pfeife . . . Die Pfeife — pflegt Chajim zu sagen — macht mir den Hals frei; und ich bin gesund .... . . Der Vater krank; die Mutter krank — da sind doch die Kinder gewisslich auch krank. Besonders aber die ältere Tochter, Gele, ein schlankes, dürres Geschöpf, mit einem Gesicht gelb wie Wachs und stumpfen, traurigen Augen. Sie ist wirklich „im Ganzen" nicht gesund! Das giebt sogar Chajim zu. Und bei aller Abneigung gegen die Medizin murmelt er oft seufzend vor sich hin, wenn er Gelens totes Gesicht betrachtet: Sie müsste doch 'mal zum Doktor gehen! Freilich meint er das so, ganz so, als wenn er sagt (— sobald wieder kein Stückchen Brot im Hause ist —): es wäre gut, wenn man jetzt ein paar Rubel hätte ... Seine Leute kannten diese Sorte von Betrachtungen; und wenn seine Frau in dem Augenblick gerade keinen Hustenanfall hatte, pflegte sie böse loszuschelten: Er fängt schon wieder mit seinen Witzchen an! . . Mir ist nicht so fröhlich zu Mut. Acht Schüler hatte Chajim — lauter arme Kinder. Die Reichen mochten ihm ihre Buben aus Furcht vor Ansteckung* Und so ist Chajim sein Lebtag nicht in ein reiches Haus gekommen. Nur Armut, Enge und Krankheit sah er um sich herum . . . Das Leben ist nicht so viel wert wie eine bittere Zwiebel! sagte er immer zu dem einzigen Bekannten, den er besass — zu dem „Porusch", der sein ganzes Leben nur im Bess-midrasch zubrachte. Chajim liebte es, sich mit ihm auf tiefe Probleme einzulassen. Einmal hatte er ihm all seine Schicksale erzählt, wie er vom zwölften Jahre an in die Jeschiwess ging zu „lernen", wie er sich in so vielen Klausen herumgedrückt hatte, schlafend auf harter Bank und leidend unter Hunger, Kälte und Schlägen, die er nicht verdient hatte. . . Ach! Das ganze Leben ist doch nichts weiter als eine Narrheit. Eitelkeit der Eitelkeiten! . . . Und glaubt ihr, seitdem ich eine Familie habe, lebe ich? Ihr könnt mich fragen, ob ich seit meiner Hochzeit einmal mich sattgegessen habe — ich entsinne mich dessen nicht! — Und nun meine Wohnung?. . Seid ihr schon mal bei mir gewesen? . . Seine Wohnung lag in einer Lehmkate. Kalt war es dort und nass. Und immer nach Sukkoss — regelmässig! — beschloss er aus dem „Grab" herauszuziehen. Aber jedesmal erinnerte er sich an seine „Möbel". Er hatte Angst, sie vom Fleck zu rühren. — Wenn man die beiden Betten, den Tisch und das Spind fortrücken wollte, würden sie sofort in tausend Stücke zerfallen. Ganz natürlich! . . Sie müssen zerfallen — pflegt er seiner Frau zu erklären — Holz, verstehst Du, muss eben verfaulen, wenn es zwanzig Jahr im Nassen steht . . Das ist so seine Natur!! — — —--— — . . Aber Chajims Leben wäre nicht einmal so viel wert gewesen wie eine bittere Zwiebel, hätte er nicht zwei Liebhabereien gehabt, die er sich leisten konnte. Seine erste Leidenschaft war seine Pfeife. Alle Woche brauchte er ein Päckchen „Machorke" für acht Groschen. Rauchen ist ihm eine Art — Gott soll hüten — eine Art Trunksucht. Und seine

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