Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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241 Achad Haam: Altneuland. 242 (Bruders des oben erwähnten Architekten) und des anglikanischen Priesters Hopkins. Auch diese beiden sind zum Seder geladen. Bei diesem Feste werden also alle Konfessionen vertreten sein, es fehlt nur noch ein Katholik. Daher trennt sich David von der Gesellschaft und begiebt sich in das Franziskanerkloster, um den Prior Ignatius einzuladen. « Die Anderen geleitet mittlerweile Steineck durch sein Institut, wo er an einem Mittel gegen die Malaria arbeitet. In Palästina ist das freilich gottlob nicht mehr nötig, da hier bereits alle Sümpfe trocken gelegt sind; doch ist der Bakteriologe um das Klima von Afrika, dem Vaterlande der Neger, besorgt. Es giebt ja noch ein unglückliches Volk in der Welt, welches noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Das sind die Neger. Und nachdem Steineck die Rückkehr der Juden in ihr Heimatland erlebt hat, möchte er auch noch die Heimkehr der Neger vorbereiten. . . . Der Abend ist noch fern und unsere Freunde machen einen Spaziergang durch den Garten. Hier treffen sie Juden, die soeben erst aus Europa angelangt sind, und diese erzählen ihnen, dass die wenigen Juden, welche in den Ländern der Zerstreuung geblieben sind, jetzt in eitel Glückseligkeit und Ehren dahinleben. Der Judenhass ist völlig verschwunden, nachdem die Judenkonkurrenz aufgehört hat oder auf ein Minimum zurückgegangen ist. Nachdem nämlich das Gros der Juden, Arme, Reiche und Intelligenz, ihre Wohnsitze verlassen hatten und den Autochthonen nicht mehr zur Last fielen, — sah man sofort allgemein den grossen Nutzen ein, den der Jude bringen kann, die Gleichberechtigung hörte also auf ein toter Buchstabe zu sein, und verwandelte sich in lebendige Wirklichkeit, so dass heutzutage sogar manche Länder sich bemühen, der Emigration der Juden vorzubeugen. Dieser Zustand kam auch denen zu gute, die sich assimilieren wollen und können, und sogar denen, die die Religion wechseln wollen. Jetzt können alle offen und nach Gutdünken handeln, ohne sich zu schämen oder zu fürchten, man könnte sie der Streberei verdächtigen, da die Taufe nunmehr keinerlei Nutzen bringt. . . . Die „Moral" davon liegt auf der Hand: die Assimilatoren und Täuflinge von jetzt handeln offenbar töricht, den Zionismus nicht mit allen Kräften zu fördern, da dies ja in ihrem eigensten Interesse liegt. . . Am Sedertisch erblicken wir die Mitglieder der Familie und deren Gäste, darunter Reschid Bey und die Priester der drei christlichen Konfessionen. In Frieden und Eintracht essen sie Mazzah und leeren die vier Becher, während« Hopkins seine Kollegen daran erinnert, wie ehemals dieses Fest eine Quelle des Religionshaders gewesen; nun aber sitzen sie alle in Liebe vereint am Tische eines Juden! Glücklich, wer das mit eigenen Augen schauen dürfte! — Schade nur, dass der Verfasser es unterlassen hat, uns zu erzählen, ob etwa Prior Ignatius zu seinem Osterfest David und dessen Freunde mitsamt dem Rabbiner von Tiberias eingeladen habe . . . Nach dem Fest machen die Gäste noch verschiedene Ausflüge, und überall sehen sie ähnliche Zustände, wie die bereits geschilderten: Europäer, europäische Sitten, europäische Erfindungen. Nirgends eine besondere jüdische Spur. Schliesslich kommen wir nach Jerusalem. Jerusalem zerfällt in eine Altstadt und eine Neustadt. Letztere gleicht den anderen Städten in Altneuland, nur ist sie grösser und schöner, wir haben also dort eigentlich nichts zu sehen, als das Atelier des Malers Isaacs. Dem Namen nach zu urteilen ist dieser Maler ein Jude, doch nichts in seinem Atelier lässt darauf schliessen, und wir erfahren nicht, ob unter seinen Schöpfungen sich auch jüdische Bilder aus dem Leben unseres Volkes in Vergangenheit und Gegenwart finden. Eins aber vergass der Verfasser nicht, uns wissen zu lassen: nämlich, dass ein englischer Lord mit seiner schönen Lady zu Isaacs gekommen sind, der die Lady porträtieren darf. Denkt euch bloss, ein englischer Lord mit seiner schönen Lady! So berühmt ist nämlich der jüdische Maler! Bei Isaacs erfahren wir auch, dass man in Altneuland auch für die Entwickelung der Kunst und der Philosophie Sorge trägt. Den Mittelpunkt hierfür bildet die „Jüdische Akademie". In Glaubenssachen mengt sich die Neue Gesellschaft überhaupt nicht ein, Religion gilt hier als Privatsache. Aber Kunst und Philosophie gehen das Gemeinwohl an, und sie stehen unter dem Schutz der Akademie. Gleich allen anderen sozialen Institutionen in Altneuland ist auch die Akademie nur die Kopie einer europäischen Einrichtung, nämlich der Pariser Akademie. Auch hier giebt es 40 Mitglieder, jeder durch den Tod erledigte Sitz wird durch Wahl neu besetzt. Ganz wie in Paris. Die ersten Mitglieder der Akademie gehörten den verschiedensten Kulturen und Sprachen an, hier aber vereinigten sie sich alle im Namen der Menschheit. Selbstverständlich waren sie alle von „nationalem Chauvinismus" vollkommen frei. Der erste Paragraph der Satzungen der Akademie lautet: „Die Jüdische Akademie hat die Aufgabe das Verdienst Einzelner um die Menschheit aufzusuchen." Und dieser Zweck ist natürlich nicht an die Grenzen des einen Landes gebunden. So sieht die Jüdisehe Akademie der Zukunft aus! Man darf annehmen — obgleich es deutlich nicht gesagt wurde —, dass in dieser Akademie auch Fragen der Kunst und der Philosophie verhandelt werden, die sich auf das Judentum beziehen, da ja in der französischen Akademie dies auch geschieht. Aber aus der ganzen Anlage der Jüdischen Akademie geht hervor, dass sie sich mit der hebräischen Sprache und Litteratur nicht befasst, wie es die Pariser mit der französischen tut. Vermutlich gälte dies dort als nationaler Chauvinismus. Warum heisst sie also „Jüdische Akademie"? Vielleicht weil nur die Juden allein sich derart ihrer Sprache und Litteratur gegenüber verhalten . . . Doch nun befinden wir uns schon in der Altstadt von Jerusalem, denn hier ist es, wo der Palast der Akademie sich erhebt, ebenso wie alle anderen öffentlichen Gebäude, Synagogen und Wohlthätigkeitsanstalten der verschiedenen Gemeinden. Die Altstadt hat sich im Allgemeinen nur wenig verändert. Die alten Tempel der verschiedenen Religionsbekenntnisse stehen, wo sie standen, darunter auch die Omar-Moschee auf dem Tempelberge. Aber es sind neue öffentliche Bauten hinzugekommen, unter diesen ist besonders der „Friedenspalast" bemerkenswert, von wo aus überallhin nach allen Ländern der Welt, sobald ein Unglück geschieht, Hilfe ausgesandt wird. Ein aus den Repräsentanten der verschiedensten Nationen zusammengesetzter Rat überwacht die gerechte Verteilung der Hilfe, und über dem Portal prangt in lateinischer Sprache die bekannte Aufschrift: „Nil humani a me alienum puto". Und mitten unter diesen neuen Bauten der Altstadt ragt hervor, weithin sichtbar — das Beth Hammikdasch! Jawohl! Das Beth Hammikdasch — der alte, neuerbaute Zions-Tempel mit den Säulen Jachin und Boas und dem See Salomonis, sogar mit einem Altar im Vorhof. Was der Altar soll, ist schwer zu erraten, da in dem ganzen Buch von Schlachtopfern nicht die Rede ist. Nur soviel wissen wir, dass man am Freitag