Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Achad Haam: Altneuland. 244 Abend im Beth Hammikdasch „Lecho Daudi" mit Orgelbegleitung singt, ganz wie im Wiener Tempel. Weiter nichts. Was soll also der Altar? Doch wenn wir neugierig sein wollten, wir hätten eine noch schwierigere Frage: An welcher Stelle ist eigentlich das Beth Hammikdasch erbaut worden? Auf dem Tempelberge ragt, wie wir sahen, die Omar-Moschee; sollte also der „greise Rabbi Samuel", der Freund der Liberalen, erlaubt haben, den Tempel anderswo zu erbauen? Doch in Altneuland darf man sich über nichts wundern, hier ist alles ein einziges Wunder. Und da wir nun auch das Beth Hammikdasch, ganz wie in alten Zeiten, schauen durften, können wir die Reise beschliessen. Freilich könnten wir noch manch hübsches Gespräch belauschen, die Rede des Akademiepräsidenten mitanhören über das Ideal in Wissenschaft und Kunst, dem die Neue Gesellschaft nachstrebt, ob des Nutzens, den es bringt — und Aehnliches mehr. Wesentlich Neues aber erfahren wir nicht mehr, alles geht vor sich in dem uns bekannten Geiste. Wir wissen also, worin das Ideal des politischen Zionismus gipfelt, wie es sich dessen Hauptanführer in seiner Vorstellung ausmalt. Nun dürfen wir uns eine kleine Frage vorlegen : Der Bakteriologe Sieineck grämt sich über das Los der Neger und widmet seine Kraft, um ihnen den Weg nach der Heimat zu ebnen — und das im Namen des Zionismus. Wir könnten uns also sehr wohl eine Negerbewegung ausmalen, mit dem Zionistenführer an der Spitze, der ein „Altneuland" schreibt, um uns die Verkörperung des Negerideals nach 20 Jahren zu versinnlichen — wir fragen nun, wodurch würde sich das Neger-Altneuland vom zionistischen unterscheiden? Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, dass der Verfasser nur wenige Aenderungen in dem vorliegenden Buche vornehmen müsste, um es ganz zu „negrisieren". . . . Ohne eine Spur originellen Talents Andere bloss kopieren, sich von dem „nationalen Chauvinismus" derart fernhalten, dass nichts von den Eigentümlichkeiten des Volkes, von seiner Sprache, Litteratur und Geistesbeschaffenheiten mehr zurückbleibt; sich zusammenrollen und zurückziehen, nur um den Fremden zu zeigen, dass man unendlich tolerant, tolerant bis zum Ekel ist, — das vermöchten wohl auch die Neger zu vollbringen. Doch, wer weiss — vielleicht würden auch die Neger das nicht fertig bringen? . . . Der Verfasser hält so fest an seiner Methode, den Juden jedes schöpferische Talent abzusprechen und alles nur den Fremden zuzuschreiben, dass er ihnen sogar die Erfindung des Namens „Altneuland" nicht gönnt und ihn zuerst einem Christen in den Mund legt, während es doch klar ist, dass der Verfasser nur den Namen „Altneuschul" nachahmt, womit seit unvordenklichen Zeiten die uralte Synagoge in Prag bezeichnet wird. Nun kennt man ja die hübsche Legende, wonach diese Synagoge sogleich nach der Zerstörung des Tempels durch jerusalemische Auswanderer erbaut worden ist, die die mitgebrachten Steine vom Tempel Zions als Fundament verwendeten. Dabei wurde der „Th'naj" (Bedingung) verabredet, dass, sobald der Messias kommt und die Vertriebenen in ihre Heimat zurückkehren, das Haus abgerissen und die Grundsteine wieder nach Zion gebracht werden. Ursprünglich hiess also die Synagoge „Al-Th'naj-Schul", tStt^SOn hv) woraus im Verlaufe der Zeit „Altneuschul" geworden ist. Ich meine, unser „Altneuland" sollte lieber „Al-Th'naj-Land" heissen. Ihm liegt nämlich die Bedingung zu Grunde, dass die Geschichte binnen 20 Jahren zu einem gedeihlichen Ende geführt wird und die „Zionisten der ersten Stunde" alles noch selber mitmachen und sich an jenem öffentlichen Leben beteiligen können, welches sie in Europa sehnsüchtigen Auges mit ansehen, ohne es mitmachen zu dürfen . . . Vor 10 Jahren schrieb ein hebräischer Schriftsteller eine Utopie auf derselben Basis unter dem Titel: „Reise nach Palästina im Jahre 5800 (2040)." Auch dort finden wir Duldsamkeit gegen Fremde, Frieden und Brüderlichkeit. Anders wäre es ja gar nicht möglich, da doch all dies seit den Zeiten der Propheten einen integrierenden Bestandteil des jüdischen Ideals bildet. Doch braucht man die beiden Bücher nur nebeneinander zu halten, um sich zu überzeugen, um wieviel höher das zionistische Ideal des hebräischen Schriftstellers über dem des österreichichen Zionistenführers steht. Dort findet man echte nationale Freiheit, dort pulsiert frisches nationales Leben auf allgemein menschlicher Grundlage. Hier dagegen findet man nur mechanisches Nachäffen ohne jegliche nationale Eigenheit, von dem Duft jener „Knechtschaft mitten in der Freiheit" durchweht, die ein Kennzeichen des abendländischen Golus bildet. Freilich — dort stehen wir im Jahre 2040 und hier im Jahre 1923. Das will sagen: eine Renaissance des Judentums, die wirklich jüdisch und nicht negerhaft wäre, kann nicht „in einem Atemzuge" vollbracht werden, allein vermittelst Aktiengesellschaften und Genossenschaften. Ein historisches Ideal bedarf einer historischen Entwickelung, und die historische Entwicklung schreitet langsam . . . Utaßßatfj im #ßefto. Oft, wenn der Hbend, febeidend *Cag von Nacht, erftickt des Lebens herbes Brotbemübn, T>eibt's wich nach jenen ftillen 6affen bin, Jrt denen taufendjabr'ge Knechtfebaft wacht* Dann geh', ein Cräumer, ich durch jene Stadt, 6in ftummes <Htllhomm griisst mich zag u, febeu Und bleiche Men leben ziebn an mir vorbei, ÄUe fie nur diefe graue 6affe bat* Berlin* JVKf ift, als ob im SItnd ein Seufzer lag*; 6lanzt durch die f enfter au* das frohe 6old, Die blutigrote frobnentrane rollt Durch 6lanz und Licht den alten Leidensweg * * Leo f)eller*