Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 239 - 240 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583909-2586970--02720-2587045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
239 Achad Haam: Altneuland. 240 der Abonnenten sind : die Presse dient dem Handel und der Industrie, der Unterhaltung wie auch der Kunst und der Wissenschaft. Ob und in welchem Sinne die Presse jüdisch ist, ob sie auch speziell jüdische Fragen behandelt, bleibt uns unbekannt, ebensowenig wissen wir, in was für einer Sprache diese Blätter erscheinen, und ob es wenigstens ein hebräisches Organ in Palästina giebt. So sieht die ganze jüdische Kultur aus, die man in Haifa wahrnehmen kann. Nun begeben wir uns nach Tiberias, um daselbst in dem Hause von Davids Eltern das Passahfest zu feiern (wir stehen nämlich am Rüsttage dieses Festes). Reschid Bey begleitet uns, denn ihn hat David zum Seder eingeladen. Wir legen den Weg mitten unter fruchtbaren Feldern, Gärten, Weinbergen und hübschen Araberdörfern mit weissen schönen Moscheen zurück, und das Gespräch kommt auf die arabischen Ureinwohner des Landes, wobei uns Reschid belehrt, dass diese auch nach der Ansiedelung der Juden im Lande geblieben seien, da es ihnen dann nur um so besser erging; die Reichen nämlich haben ihren Boden zu glänzenden Preisen an die Neue Gesellschaft verkauft (das geschah aber offenbar schon, nachdem Alladino seine grossen Bodenkäufe zu massigen Preisen gemacht hatte), und konnten dabei, wenn sie nur wollten, in die Neue Gesellschaft eintreten, um ihren eigenen Boden, gleich den jüdischen Mitgliedern, bis zum Jubeljahre wieder in Pacht zu bekommen. Und die ärmeren A.raber haben ja erst recht durch die Ansiedelung der Juden gewonnen, denn auch sie fanden bei der Direktion der Neuen Gesellschaft lohnende Arbeit, besonders beim Trockenlegen der Sümpfe und dem pflanzen von Eukalyptusbäumen. Dadurch wurde ihre Lage im Lande nur noch besser und gefestigter. Früher waren die Araber in den Dörfern blutarm, und ihre Hütten waren ärger als Viehställe. Heute wohnen sie in hübschen Häusern, betreiben den Ackerbau und leben in Wohlstand. Friede und Brüderlichkeit herrscht zwischen ihnen und den Juden, die nichts von ihnen genommen und ihnen so unendlich viel gegeben haben. Eine anmutige Idylle, fürwahr! Nur ist es nicht ganz klar, wie die Neue' Gesellschaft es fertig gebracht hat, hinreichenden Boden für die aus der ganzen Welt zusammengeströmten Millionen Juden herzunehmen, wenn das ganze Getreideland, welches früher in den Händen der Araber war. d. h. also der grösste Teil des Ackerlandes in Palästina überhaupt, auch fernerhin ungeschmälert in den Händen der Araber verblieb..... Unterwegs rasten wir in Sephoris eine kurze Weile, — doch nicht etwa um der historischen Erinnerungen willen, die sich an diese Stadt knüpfen, die bekanntlich während der Jahrhunderte nach der Zerstörung ein Zentrum jüdischen Lebens war. Von all dem weiss kein einziger der Reisenden etwas zu erzählen. Mirjam, die jüdische Gymnasiallehrerin, weiss nur, dass hier vormals eine den Eltern der Mutter-Gottes, welche nach der Legende Sophorianer waren, geweihte Kirche stand, während jetzt sich hier eine von den russisch-christlichen Kolonisten der Umgebung gegründete Kirche erhebt. Wfir haben hier nur Halt gemacht, um den Priester dieser Kirche, gleichfalls einen Freund Davids, zum Seder nach Tiberias abzuholen. So haben wir denn unterwegs arabische Dörfer, christliche Kolonien, die Tempel aller Konfessionen, sogar der Brahmanen, gesehen. Endlich kommen wir auch einmal nach einem jüdischen Dorfe, welches „Neudorf" heisst. Hier hält sich die Reisegesellschaft einige Stunden auf, denn die Wrahlen zum Kongress stehen bevor, und David und sein Gefolge wollen die Neudörfel* auf die Seite der liberalen Partei, zu deren Führern David gehört, hinüberziehen. „Hedad!" rufen die Dorfbewohner den Ankömmlingen zum Gruss entgegen, und dies ist das einzige hebräische Wort, welches wir bisher in „Altneuland" vernommen — abgesehen von dem Schekel, den die Gesellschaft für die weissen Handschuhe auf dem Wege zur Oper erlegen musste. Dieses erste ist auch das letzte hebräische Wort. Die Schulkinder begrüssen freilich die Gäste mit einem hebräischen Lied, welches stehend angehört wird. Doch alle Reden und Gespräche der Grossen, die wir zu hören bekommen, werden entweder im Jargon oder auf Hochdeutsch gehalten. Den ersteren sprechen natürlich die Bauern, letzteren die Intelligenz. Hebräisch ist hier offenbar, gleichwie im Golus, nur die Sprache der Gebete und Begrüssungen. Der Streit zwischen den Parteien tobt heftig, nicht etwa über eine innere jüdische Frage — von einer solchen existiert in Altneuland keine Spur —, sondern abermals über das Prinzip der Gleichberechtigung aLler Nationalitäten und Konfessionen. Der Rabbiner Dr. Geyer, der vormals ein Gegner des Zionismus gewesen — und daher selbstverständlich die Verkörperung der Heuchelei, der Verlogenheit und des krassesten Egoismus ist —, wurde durch die Erfolge des Zionismus und die Gründung der Neuen Gesellschaft veranlasst, mit hierher zu kommen, wo er nun in einen fanatischen Patrioten sich verwandelt hat, die Juden gegen die Toleranz aufhetzt und fordert, die Neue Gesellschaft solle keine Nichtjuden mehr aufnehmen. Geyer zählt in Neudorf einige Anhänger, doch David und seine Freunde verteidigen in langen feurigen Reden das „grosse Prinzip", welches auch von dem greisen Rabbi Samuel unterstützt wird; schliesslich sehen die Bauern die Wahrheit ein, und unsere Liberalen tragen den Sieg davon. Die Reisegesellschaft benutzt die Gelegenheit, um verschiedene Gemeindeanstalten von Neudorf zu besichtigen. Zwei von ihnen, die Bibliothek und die Schule, ziehen besondere Aufmerksamkeit auf sich. Doch erfahren wir nur, dass man in der Schule schöne und nützliche Dinge für die physische und geistige Erziehung und in der Bibliothek vielepopulärwissenschaftliche Bücher fand. In welcher Sprache aber die Kinder dieses Judendorfes im Zukunftslande unterwiesen werden, was für Hauptgegenstände und Grundsätze — ausser der Gleichberechtigung aller Konfessionen — man sie lehrt, ebenso was für Bücher ausser den populärwissenschaftlichen die Grossen lesen, erfahren wir leider nicht. Endlich sind wir in Tiberias. Die Thermen haben diese Stadt zu einem weltberühmten Kurort gemacht; darum wimmelt es dort von Gästen aus aller Herren Ländern, „ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession", die Hotels der Stadt sind in dem Besitz von christlichen Schweizern, die zuerst die grosse wirtschaftliche Zukunft dieses Ortes erkannt hatten und allen voran hieher kamen, um Hotels aufzumachen, die nunmehr grosse Erträgnisse abwerfen. In der Stadt fallen uns sofort die vielen Ausländer auf den Balkons auf. Hie und da vernimmt man Musikklänge; es sind ungarische, italienische, rumänische Kapellen im Nationalkostüm, die sich hören lassen. . . . Etwas weiter erblicken wir hübsche Moscheen, Kirchen mit dem katholischen und dem griechischen Kreuz, schliesslich auch prächtige Synagogen. Nach dem Besuch in Davids Elternhause begeben sich die Gäste in ihr Hotel, wo sie die Bekanntschaft einiger ausgezeichneten Menschen machen, darunter des berühmten Bakteriologen Steineck