Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Achad Haam: Altneuland. 238 Und es muss wirklich zugegeben werden, dass die Juden der Neuen Gesellschaft mit der vollsten Hingebung und Selbstlosigkeit diesen Grundsatz befolgt haben, derart, dass ihr eigenes nationales Selbst garnicht zur Geltung kommt in dem Bestreben, den Andern, ohne Unterschied der Konfession und Nationalität alles hinzugeben und ihnen Platz zu machen. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur dem Verfasser überall zu folgen, wohin er seine Helden geleitet, und deren Unterhaltungen zu belauschen. Zunächst kommen wir nach der Stadt Haifa, einem der Hauptpunkte der Neuen Gesellschaft. In den Strassen treffen wir Araber, Perser, sogar Chinesen, doch überwiegen die europäisch Gekleideten, überhaupt macht die Stadt einen europäischen Eindruck. Unterwegs erfahren wir, dass in allen Städten des Landes sich christliche und muhamedanische Gotteshäuser befinden, in Haifa wie an allen Hafenplätzen aber sogar buddhistische und brahminische Tempel. Bald kommt uns der Türke Reschid Bey entgegen, ein Freund von David Litwak, einem der Hauptanführer der Neuen Gesellschaft, der uns nach seiner Wohnung geleitet. Auf Davids türkischen Gruss erwidert jener in deutscher Sprache. Deutsch ist offenbar Davids Umgangssprache in Haifa, wie vormals in Wien. Die Sprachenfrage ist in dem ganzen Buche überhaupt unklar behandelt, und wir wissen nicht, welches Idiom in Altneuland vorwaltet. Doch scheint aus einigen beiläufigen Andeutungen hervorzugehen, dass die Masse auf dem Lande und in der Stadt sich des aus der Diaspora mitgebrachten Jargons bedient, während die Gebildeten die europäischen Sprachen sprechen, besonders deutsch, das ja die Muttersprache der jetzigen Führer ist. In Haifa giebt es selbstverständlich gute Schulen, und Mirjam, Davids Schwester, unterrichtet französisch und englisch an einem der Mädchengymnasien. Ob dort hebräisch und andere jüdische Gegenstände gelehrt werden, erfahren wir nicht. Was die Erziehung anbetrifft, so wird uns bloss erzählt, dass die Jugend zu gesunden gymnastischen Spielen nach englischem Muster angehalten werde. Auch Schauspielhäuser giebt es in stattlicher Anzahl zu Haifa. Wir finden ein deutsches, ein französisches, ein englisches, ein italienisches, sogar ein spanisches Theater. Ausserdem giebt es auch ein „nationales" Theater — die einzige „nationale" Institution, die uns hier vorgeführt wird —, wo Schauspiele aus der jüdischen Geschichte, wie es scheint in europäischen Sprachen, aufgeführt werden. Dann giebt es Bühnen für die unteren Volksschichten, wo ein wenig geschmackvolles komisches Genre im Jargon gepflegt wird. Ziehen Sie aber eine musikalische Darbietung vor, so bemühen Sie sich gefälligst in die Oper, wo Sie die Aufführung eines jüdischen Tonwerkes gemessen können — solche sind nämlich während der letzten Jahre in grosser Zahl entstanden —, doch vergessen Sie die weissen Handschuhe nicht, sonst könnte es Ihnen passieren, gleich unseren „Helden" unterwegs in ein Magazin eintreten zu müssen, wodurch Verzögerungen entstehen können, ohne Handschuh aber darf man sich zu Haifa ebensowenig wie zu Paris in der Oper zeigen. In Haifa ebenso wie in den anderen Städten Palästinas giebt es grosse Zeitungen, die gleich allen anderen Arbeitszweigen von der Neuen Gesellschaft auf genossenschaftlicher Basis errichtet worden und Eigentum