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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 235 - 236

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Altneuland
Date
1903-04-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 5)
Language
German
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235 Achad Haam: Altneuland. 236 er die Lage so günstig, dass. er beschloss, entgegen seinem früheren Plan, die Immigration mit dem Eintritt des Winters nicht zu unterbrechen. Diese Nachricht, sofort nach aller Herren Ländern telegraphiert, erweckte selbstverständlich grenzenlose Begeisterung unter allen zionistischen Lokalverbänden. Von der ersten Ernte ab, sagt Levy, datiert der Sieg der Neuen Gesellschaft. Doch übersieht Levy, dass der Sieg nicht von ihm, sondern von Alladino erfochten wurde. Dieser hatte es nämlich nicht nur fertig gebracht, binnen wenigen Monaten ungeheure Strecken Landes zu „mässigen Preisen" zu erwerben, sondern er war überdies auch noch so klug, überall nur guten Getreideboden zu finden, der gleich im ersten Jahre Erträgnisse abwirft, anstatt sein Geld in Weinbergen und Pflanzungen anzulegen, bei denen man erst nach Jahren Gewinnst einheimsen kann. . . . Wir hören freilich, dass die Neue Gesellschaft auch Sumpfboden erworben habe, der erst durch Kanäle und Eukalyptus-Pflanzungen trockengelegt werden musste, und zwar sei dieser Boden sehr billig zu stehen gekommen. Dies scheint jedoch hier nicht miteingerechnet "Zu sein. Alladino kaufte im allgemeinen nur Boden, den man sofort mit Nutzen bestellen konnte, und den fand er im Verlaute der vier Vorbereitungsmonate in erforderlichem Quantum..... Und wenn wir bedenken, dass all dies im Herbst 1903 geschah, müssen wir eingestehen, dass dieser Wundermann es verdient, dass man vor ihm das Knie beuge. In demselben Jahre noch fingen auch Kapitalisten an, sich in Palästina anzusiedeln, doch nur in den Städten. Diese Leute wurden durch ein einfaches Mittel angezogen, welches Levy dem Khedive von Egypten, lsmael Pascha, abgeguckt. Als der Khedive nämlich seine Hauptstadt Kairo durch Aufführung von Prachtbauten verschönern wollte, Hess er bekannt machen, dass ein jeder, der ein Haus im Werte von mindestens 30000 Francs bauen wolle, den Platz unentgeltlich bekomme. Levy tat dasselbe, indem er folgerte: Wenn in der Hauptstadt von Egypten der unentgeltliche Boden die Reichen des Landes anzog, so dass zahlreiche Baulustige sich einfanden — so werden die reichen Juden in aller Welt umsoweniger die Gelegenheit verabsäumen, sich in Palästina anzubauen, da man ihnen ein kleines Plätzchen in irgend einer Stadt anweist, wogegen sie nur 30000 Fr. hineinzustecken brauchen, von denen allerdings ein dritter Teil bar hinterlegt werden muss. So hatte denn auch die Kunde allenthalben grosse Begeisterung geweckt. Aus allen Ecken und Enden meldeten sich Baulustige. Am 21. März (dem ersten Frühlingstag) waren die Bauplätze in'den Städten bereits verteilt — also einen oder zwei Monate nach Beginn der Immigration. Auch in den Städten hatte also Alladino vermocht, Boden in Menge zu erwerben. Aber auch die Industrie hatte sich gleich im ersten Jahre entwickelt, und das vermittelst eines einfachen Kunstgriffes. Das Direktorium Hess nämlich durch die Zeitungen in allen Ländern bekannt machen, es sei bereit, einem jeden, der in einem der Küstenländer am mittelländischen Meere — Palästina wird merkwürdigerweise nicht deutlich bezeichnet — eine Fabrik errichten wolle, mit Rat und Auskunft beizustehen und Maschinen auf Kredit zur Verfügung zu stellen. Darauf waren sofort viele kapitalskräftige Geschäftsleute herbeigeeilt, die sich, auf Grund der ihnen gewordenen Ratschläge und Informationen, allsogleich von der glänzenden Zukunft der Industrie in Palästina überzeugten und keinen Moment zögerten, auf Rechnung der bevorstehenden Entwicklung der Kolonisation, ihr Kapital in verschiedenen industriellen Unternehmungen anzulegen. Doch waren die meisten dieserPionierekeine Juden, sondern protestantische Deutsche und Engländer, „die in kolonisatorischen Dingen die kühnsten Praktiker unter allen Nationen sind". Das Direktorium aber hatte sich von Anfang an zum Prinzip gemacht, konfessionelle und nationale Unterschiede nicht gelten zu lassen. „Wer den palästinenr sischen Boden bestellen wollte, war uns willkommen." Doch wozu noch mehr Einzelheiten aufzählen? Das Dargebotene genügt, um in den Lieblingsruf des Bakteriologen Steineck — eines der Notabein von „Altneuland" — auszubrechen: „Sie verstehen?" ... Wenn all die grossen Wunder im Verlaufe von Wochen und Monaten im ersten Jahre nach Empfang des Charter vollbracht werden konnten, so braucht es uns nicht stutzig zu machen, wenn man uns erzählt, dass nach fünf Jahren der Reingewinnst der Neuen Gesellschaft eine Million Pfund jährlich betrug, dass nach 20 Jahren das ganze Land in ein einziges Paradies verwandelt war, das Gros des jüdischen Volkes sich dort angesiedelt hatte und nun in ungetrübtem Frieden, „ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum" dahinlebt. . . . Diese Glückseligkeit nach 20 Jahren wird der Verfasser nicht müde, mit allen Einzelheiten auszumalen. Die Sache verdient, näher betrachtet zu werden, da sie uns lehrt, wie das „messianische Zeitalter", welches vor unserer Türe steht, sich im Kopfe des Führers der Zionisten spiegelt. Dass der soziale und ökonomische Zustand in Altneuland über alles Lob erhaben ist, bedarf keiner besondern Erwähnung. Die nützlichsten technischen Erfindungen und die vernünftigsten sozialen Einrichtungen haben sich in dem kleinen Ländchen vereinigt, um die Bewunderung des Zuschauers zu erregen. Doch scheint all das nur auf den ersten Blick neu und ungewöhnlich. Bei näherem Zusehen wird man gewahr, dass die Juden im Grunde nichts Neues geschaffen, nichts aus eigenen geistigen Mitteln hervorgebracht haben. Nur was sie bei den europäischen und amerikanischen Kulturvölkern gefunden, das machten sie nach und brachten es hier zusammen. Und nicht etwa, weil sie gescheiter waren als alle anderen Völker, haben sie die nützlichen Einrichtungen eines jeden einzelnen von ihnen bei sich eingeführt, sondern weil ihnen das leichter war zu bewerkstelligen, als allen anderen. Andere Völker müssen nämlich „die tasten tragen, die ihre Vorfahren sich aufgebürdet haben", jedes Neue stösst bei ihnen auf ein Altes, das seine gedeihliche Entfaltung hindert. Die Juden aber, obgleich auch sie „gezwungen waren, die Gegenwart an die Vergangenheit anzuknüpfen", konnten doch ihre Neue Gesellschaft ohne „erbliche Belastung" gründen und unbehindert alles Gute aufnehmen, was sie anderwärts fanden. Ueberdies waren die Juden auch sonst geeignet, von überallher das Gute aufzunehmen, infolge ihrer „moralischen Leiden, ihrer ökonomischen Erfahrungen und ihres Kosmopolitismus." Und da alles, was sich in Palästina vorfindet, nicht ursprünglich dort, sondern in England, Amerika, Frankreich und Deutschland entstanden ist, so ist auch all das nicht ausschliesslicher Besitz des jüdischen Volkes, sondern aller Völker zusammen, das Grundprinzip der Neuen Gesellschaft lautet: „Ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession!" Das ist der belebende Geist der ganzen Erzählung und wird in fast jedem Kapitel mit solcher Ausführlichkeit und Nachdruck betont, dass es den Anschein gewinnt, als lag dem Verfasser hauptsächlich daran, „draussen" die Ueberzeugung von der vollständigen Harmlosigkeit dieses Zionismus zu erwecken. . . .

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