Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Die Juden von gestern
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Die Juden von Gestern. 224 Wir halten es für überflüssig, gegen Herrn Nordau zu polemisieren, und als eine Beleidigung für Achad Haam würden wir es empfinden, wenn wir ihn gegen derartige Angriffe in Schutz nehmen zu müssen glaubten. Die Makellosigkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Intentionen, die mannhafte und unerschütterliche Festigkeit seines Wesens, seine Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit können durch die Schmähungen des Herrn Nordau nicht berührt werden. Wenn Herr Nordau mit gewichtiger Miene Achad Haam belehrt, was ein Trust ist, wenn er, der nie in Palästina gewesen, jenen über die agrarischen Verhältnisse des Landes autklärt oder ihm erzählt, dass Shakespeares „Julius Caesar" nicht lateinisch spricht, oder gar sich herausnimmt, auf Grund von ein paar schlechten Uebersetzungen kleiner Aufsätze Achad Haaras über dessen Bedeutung als Schriftsteller zu urteilen, so giebt er nur sich selber der Lächerlichkeit preis, Den Gipfel der unfreiwilligen Komik aber erreicht er, da er seinen Gegner aus der unter seiner souveränen Verwaltung stehenden „europäischen Kultur" hinausjagt und ihm obendrein mit vollem Ernst verbietet — sich fürder einen Zionisten zu nennen. Doch würde man weit fehlgehen, wenn man annehmen wollte, der plötzliche und unmotivierte Wutausbruch Herrn Nordaus gelte bloss der Person Achad Haams. Nein. Hier stehen zwei Prinzipien einander gegenüber. Auf der einen Seite das kernhafte, wurzelständige, festgefügte Judentum, das von jeher war, das keiner Erschütterungen und Angriffe von aussen bedurfte, um sich auf sich selbst zu besinnen, das jüdische Judentum, das stets einig mit sich selber und mit dem Volke gewesen, ungeschwächt aus dem Urquell hervorsprudelt, nie den Zusammenhang mit der Vergangenheit verloren hat und in dem ununterbrochenen Fluss der Entwickelung vorwärts strebt. Auf der andern Seite das Judentum von gestern, das Judentum von 1897, welches seine Offenbarung auf dem Baseler Kongress empfangen hat, das Judentum von des Antisemitismus Gnaden, welches längst sich im Sande des Indifferentismus oder der Abtrünnigkeit verloren hätte, würde man es nicht von aussen her kräftig gezaust und arg zugerichtet haben — das Judentum ohne Vergangenheit und Tradition, welches wie ein Windhauch angeflogen kam, ohne intime Fühlung mit dem Kern der jüdischen Lehre, ohne Zusammenhang mit dem tausendjährigen Gedanken- und Gefühlsleben des Volkes, rein äusserlich, durch zufällige, externe Vorgänge hinzugedrängt und lose angegliedert, dem eigenartigen Weben der jüdischen Volksseele im tiefsten Herzen fremd gegenübersteht. Und wir erleben die seltsame Erscheinung, dass diese letztere Sorte von Judentum immer dreister das Haupt erhebt, sich mit gewichtiger Miene breit macht und immer lauter den Ton angeben will — alles verfolgend und verhöhnend, was es nicht versteht, hassend, was es nicht begreifen und darum auch nicht lieben kann. Leute, denen das Wesen und der geistige Gehalt des Judentums, wie er im Verlaufe der Jahrtausende, ringend und sich entfaltend geformt wurde, ein Buch mit sieben Siegeln ist, Leute, die sich bestenfalls von ein paar halbreifen Studenten über diese oder jene Frage des jüdischen Kulturlebens „informieren" lassen, die stehenden Fusses aus oberflächlichen Zeitungsartikeln und mageren Broschüren ihre „Erleuchtung" über die wichtigsten Probleme unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart schöpfen, denen die Sehnsucht und das Weh, das Leiden und das Können des jüdischen Volkes innerlich völlig verschlossen bleibt, wollen über uns das Szepter schwingen und uns vorschreiben, wie unser Ideal und unser Glaube beschaffen zu sein habe. Und das ist es, was uns zu einem Heraustreten aus unserer Reserve nötigt. Wir hatten uns die Aufgabe gestellt, mit dieser Zeitschrift dem Leben und Weben unseres modernen Judentums zu dienen, die fruchtbaren Keime einer verheissungsvollen Entwickelung überall, wo sie ans Tageslicht treten, zu fördern und ihnen zu einer gedeihlichen Entfaltung zu verhelfen. Diesen Grundsatz haben wir getreulich befolgt und werden stets an ihm festhalten. Darum sehen wir uns zu einer energischen Abwehr veranlasst, wenn die Saaten, welche treue Hände ausgestreut haben, von Unberufenen freventlich zerstampft zu wrerden in Gefahr sind. Das Auftreten des Herrn Nordau interessiert weniger um seiner Person willen, als dadurch, dass es typisch ist für das Gebaren einer gewissen Kategorie von Herren, welche mit kindischem Hochmut auf ihre sogenannte „westeuropäische Kultur", deren Generalpächter sie zu sein glauben, pochend, es als eine ungeheure Selbstverleugnung ansehen, dass sie sich herbeigelassen haben, von ihrer schwindelnden Höhe zu dem armen, gesunkenen, verlassenen Judentum herabzusteigen, und nun daraus für sich auch das Recht herleiten, sich als Autokraten zu geberden und jede ihnen missfällige Meinungsäusserung, jede noch so objektive Kritik, jede selbständige Regung mit brutaler Faust zu unterdrücken.