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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 225 - 226

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Die Juden von gestern
Date
1903-04-01
Page
Seite 225 - 226 (sequence 5)
Language
German
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225 Die Juden von Gestern. 226 Das Nordau'sche Pamphlet hat denn auch allenthalben ungeheure Entrüstung erregt. Wir haben eine grosse Anzahl von Zuschriften erhalten, die überschäumen von zorniger Empörung, und die nun auch schon an der Einheit der zionistischen Organisation rüttein. Wir halten es für unsere Pflicht, hier ein Wort der Beschwichtigung zu sagen. Der Zionismus ist ja mit Herrn Nordau nicht identisch. Es hat einen Zionismus gegeben, noch bevor Herr Max Nordau sich gnädigst herbeiliess, seine schützenden Fittiche über ihn auszubreiten und für ihn zu „arbeiten", indem er Reden hält und sich Weihrauch streuen lässt. Herr Max Nordau ist vermöge eines wundersamen seelischen Processes in einem Nu Zionist und Jude zugleich geworden. Er ist ein Gast bei uns. Er ist uns willkommen, wenn er mit uns arbeiten will, aber wir denken nicht daran, uns von ihm brutalisieren und tyrannisieren zu lassen. . . Schliesslich tut man Herrn Nordau bitter Unrecht, wenn man ihn bei einem einmal ausgesprochenen Worte nimmt. Der Herr ist so vielseitig und geschmeidig, dass er seine Meinungen nicht nur rasch wechselt, sondern bisweilen zwei verschiedene Ueberzeugungen zugleich haben kann. Noch im Jahre 1896 belehrte er uns in der sechsten Auflage seiner „Paradoxe" auf Seite 336, „dass die Juden von den Völkern, unter denen sie leben, hauptsächlich darum als Fremde angesehen werden, weil sie mit unbegreiflicher Verblendung und Hartnäckigkeit an äusserlichen Gepflogenheiten, wie Zeitrechnung, Feier der Ruhetage und Feste, Speisegesetze, Wahl der Vornamen u. s. w. festhalten", und kurz darauf stand er an der Spitze des ersten Baseler Kongresses. Derselbe Kongress, dessen lautester Sprecher Herr Nordau war, proklamierte die Schaffung eines zahlreichen und dichtgesäten jüdischen Bauernstandes in Palästina als das erstrebenswerteste Ideal. Am ersten Januar 1898 versicherte uns Herr Nordau im Feuilleton der „Neuen freien Presse", wo er seither alljährlich Weltgericht hält, dass der vertierteste Industrie- oder Handelsarbeiter kulturell mehr wert sei, als der tüchtigste und erfolgreichste Bauer, und dass die europäische Kulturentwickelung dahin dränge, die gesamte Landwirtschaft auf die niederen Rassen abzuwälzen. Im Jahre 1899, während Herr Nordau auf dem III. Zionistenkongressdas Judentum erlöste, wurden in seinem Namen in der 17. Autlage seiner „Konventionellen Lügen", auf Seite 59 ff folgende Worte gedruckt: „Die geschichtliche Forschung hat uns gelehrt, wie die Bibel entstanden ist; wir wissen, dass man mit diesem* Namen eine Sammlung von Schriften bezeichnet,, die an Ursprung, Charakter und Inhalt so verschieden sind, wie es nur etwa ein Buch sein könnte, das beispielsweise die Nibelungen, eine Zivilprozessordnung, Mirabeaus Reden, Heines Gedichte und einen Leitfaden der Zoologie, fortlaufend gedruckt, stückweise durcheinandergewürfelt und in einem Bande vereinigt, enthalten würde. Wir unterscheiden in diesem Wust, altpalästinischen Aberglauben, dunkle Anklänge an indische und persische Fabeln, missverstandene Nachahmungen egyptischer Lehren und Bräuche (wie schade, dass Herr Nordau nichts von Babel gehört hat! A. d. R.), ebenso trockne, wie geschichtlich unzuverlässige Chroniken, allgemein-menschliche, erotische und nationaljüdischpatriotische Poesien, die sich selten durch Schönheiten ersten Ranges, häufig durch Ueberschwänglichkeit, Rohheit, schlechten Geschmack und echt morgenländische Sinnlichkeit auszeichnen. Als litterarisches Denkmal ist die Bibel weit jünger als die Veden und ein Teil der Kings, an poetischem Wert steht sie hinter allem zurück, wras selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben, und nun gar sie mit den höchsten Leistungen Homers, Sophokles, Dantes, Shakespeares oder Goethes vergleichen zu wollen, könnte nur einem fanatisierten Geiste einfallen, der auf den Gebrauch seiner Urteilskraft verzichtet hat; ihre Weltanschauung ist kindisch und ihre Moral, wie sie sich im alten Testament in der nachtragenden Rachsucht Gottes . . . ausdrückt, empörend." Und die Menschen sind nach Herrn Nordau Heuchler, die eine unbegrenzte Ehrfurcht vor diesem alten Buche zur Schau tragen und „vorgeben, erbaut und erhoben zu sein, wenn sie darin lesen." Und der Verkünder dieser Lehren ist es, der für sich das souveräne Recht in Anspruch nimmt, nicht nur unser oberster Lehrmeister, sondern sogar unser Zuchtmeister zu sein, über Männer, die im Dienste des Judentums ihre edelsten Kräfte, die besten Jahre ihres Lebens verzehrt haben, den Stab zu brechen, oder gar sie aus den Reihen des jüdischen Volkes zuweisen. Wenn dieser Versuch auch seine komische Seite hat, welche alle diejenigen, die Sinn für unfreiwilligen Humor haben, empfinden werden, so besteht doch die Gefahr, dass das Gefühl für das Komische verloren geht und Anschauungen ernst genommen werden, welche schwer schädigend auf die jetzige segensreiche Bewegung im Judentume wirken könnten. Deshalb ist es höchste Zeit, diesem Treiben einen Dämpfer aufzusetzen.

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