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Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 197 - 198

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
In der Judengasse
Date
1903-03-01
Page
Seite 197 - 198 (sequence 3)
Language
German
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197 Eugen Mayer: In der Judengasse. 198 Nur am Himmel oben ist Licht, und es sendet fahle, zitternde Strahlen in die enge Judengasse. — — — Und von den schmalen, hohen Häusern lösen sich dunkle Schatten, und sie recken die schlafmüden Arme, und sie huschen gespenstisch hin und her, und es geht durch die Nacht ein geheimnisvoll Raunen und Flüstern. Die Schatten halten nächtliche Zwiesprach. Sie tauchen ineinander, erzählen sich mit Geisterstimmen, leise verhallend, die alten, traurigen Weisen und Mären aus den alten, traurigen Zeiten. Aus den Zeiten, wo nur Juden in der Gasse wohnten, wo jeden Abend die Thore geschlossen wurden, und jedenMorgen, wenn die Sonne aufging, der „Schammes" mit seinem Holzhammer an die Fensterläden klopfte, um die frommen Hausväter zu mahnen, dass es Zeit sei, „Schule zu gehen". Und nach der „Schul" gingen sie über Land, den schweren Pack auf dem gebeugten Rücken, um auf den Dörfern das Brot sich zu verdienen und noch etwas mehr. Die Kinder wer- M. GOTTLIEB: Einzelfigur aus dem Gemälde „Betende Juden1*. (Siehe „Ost und West", Jg. II, Heft 1.) den gross, und die Buben sollen in die Stadt auf die Schule, und die Mädchen sollen auch gut versorgt werden. Er selbst verlangt ja nichts vom Leben, und geduldig schluckt er Tag für Tag den Staub der Landstrasse und die Schimpfwörter der Reichen: „Alles für die Kinder, Gott soll sie gesund lassen!" Und am Abend spät kommt er nach Hause, abgespannt und verdriesslich. Und so geht es ohne Ruhe, die ganze Woche, bis er wieder ein Goldstück in den Kasten legen kann. Nur am Freitag Abend, am lichten, heiligen Sabbat, ruht die Arbeit, denkt er nicht ans Geld, nicht ans Verdienen. Da kommt er, ein anderer wie in der Woche, aufrecht, Sabbatfreude in den Augen, aus der Schul in die niedere Stube, den Jüngsten an der Hand nachführend, derdas grosse Gebetbuch krampfhaft an sich drückt, da segnet er die Kinder, die andächtig den Kopf vor ihm neigen, und alle singen das rührende, schöne ,Scholaum-Alechem"; dann macht er Kiddusch und setzt sich an den grossen Tisch mit dem , blanken Tuch, in dessen starkgebügelten Falten noch der

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