Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- In der Judengasse
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 2)
- Language
- German
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195 Eugen Mayer: In der Judengasse. 19G gleitet schwebend um mich, hüllt mich ein, spinnt dämmerige Zauberfäden . . . Vor mir, neben mir ist heiliges Dunkel, es schliesst mir die Augen und schauert mich heiss, und es wird rein und fromm in mir, ich vergesse die Welt mit ihren Sünden und dem vielen schweren Leid ... So war es, als mich der Vater zum erstenmal in die „Schul" führte, mich die kleinen Händchen falten lehrte und die heilige Thora küssen liess. Damals ist Gott in mich eingezogen, brachte mir glücklichreinen Kinderglauben, und nimmer hat er mich verlassen; mehr aber als draussen habe ich ihn im Herzen in der alten „Schul" — am Abend im tiefen dunklen Schweigen. Da fühle ich sein Walten, seine Nähe; ich höre seine Fittiche rauschen, und es zwingt mich, wie einst die Hände zu falten und zu beten, er solle mich hüten und schützen vor der staubigen Welt, vor dem grausamen Leben. — — — — — — — — Sonst ist nichts jüdisch an der Judengasse, als ihre Geschichte. Aber diese Geschichte ist alt und gross und traurigschön, und es gehen so viele wundersame Märchen um von denen, die vor uns da lebten. — Im Winter, am Abend, wenn die Lampe singt und das Holz im Ofen knisternd verglüht, nimmt der Grossvater mit den zitternden, runzligen Händen das „Nissim"buch aus dem Spind, setzt die Brille mit den runden Gläsern auf und erzählt den Enkeln, die sich lauschend an seine Kniee drängen, von all dem Wundersamen, das in der Judengasse ehe dem sich zugetragen: da ging einmal die schwangere Mutter des Rabbi Jehuda Hachasid durch die enge „ Schul "gasse, und ein christlicher Fuhrknecht wollte in teuflicher Roheit zwei jüdische Leben auf einmal vernichten, aber als die fromme Judenfrau mit geschlossenen Augen, das „Schema IisroeT auf den zitternden Lippen, sich an die Mauer der „Schul" drückte, da sie dem Lastwagen nicht mehr ausweichen konnte, da gaben die alten schweren Steine hinter ihr nach, und sie war gerettet. Oder der Grossvater erzählte von den zwei Heldensöhnen, die in der Stunde der Gefahr für die Gemeinde sich opferten, und wie heute, nach Jahrhunderten, zwei ewige Lichter in der „Schul" den Enkeln Kunde davon geben und tiefe, ernste Mahnung — — und so noch viele, viele Wundersagen, wo der grosse, gute Gott schützend die Hand über seine Kinder hielt. Jetzt sind die Enkel gross geworden. Der Grossvater ruht längst draussen im „guten Ort". die Märchen sind verklungen, und das „Nissim"- buch verstaubt irgendwo in der Ecke. Nur die Judengasse lebt noch; auch ohne die Juden. Die haben ihr Ghetto jetzt anderswo, aber nicht hinter Mauern von Stein. Nur wissen die meisten es nicht. Und sie tragen doch so schwer daran; aber sie sehen so schlecht, die guten, armen Leute. . . . . . Am Tag gehe ich nicht gern durch die Judengasse. Nur nachts, wenn ich ganz allein bin. Die Nacht ist so gut, deckt so vieles zu. Ganz allein gehe ich durch die stille Sommernacht. Und meine Gedanken flüchten träumend in die Vorzeit. Sie führen mich in ein Traumland mit seltsamen Bildern — wie ich so auf dem holperigen Pflaster der Judengasse durch die laue, schweigende Traumnacht gehe. — Hüben und drüben die schmalen, hohen Häuser mit den schiefen Dächern und den kleinen Fenstern, die so viel Unglück gesehen, soviel Sterbeseufzer gehört haben. Glück ist selten da zuhause gewesen. Die Mauern sind so hoch, lassen keine Sonne herein. Das Unglück steht an der Thüre mit seinen unheimlichen Augen, eng gehüllt in den finsteren grauen Mantel. — Und sie fühlen das, drinnen im Zimmer, und im reinsten, innigsten Glück weinen sie — traurige, freudige Thränen. — — — Und ich gehe und gehe. Kein Laut. Nur meine Schritte hallen durch die Stille. Jeder Fussbreit von dem Boden, auf dem ich gehe, ist mit Blut getränkt, mit reinem, heiligem Blut. Und die Saat? Wie ist sie aufgegangen! Die Väter wussterl zu sterben für ihr Volk. Aber die Enkel wollen nicht einmal für ihr Volk leben — und das Opfer wäre doch so klein.-- Aber Blut ist stark, stark wie junge Frühlingskeime. Und es treibt in der Erde und treibt und treibt, bis der goldene Erntesommer kommt. Der wird uns Glück bringen mit seinem Erntesegen, wehmütiges, traurig-süsses Glück, wie es in der Judengasse blüht, und dann, im goldenen freien Volllicht der Sonne wollen wir Erntefeste feiern, traurigsüsse Erntefeste. ... Der Boden mit den holperigen Steinen ist heilig. Ich möchte die Schuhe ausziehen — wie Mose Kein Licht brennt in der Gasse.