Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- In der Judengasse
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 199 - 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eugen Mayer: In der Judengasse. 200 Duft des Wäscheschrankes weht, mit dem mohnbestreuten Sabbatbrot, mit den zwei unruhig brennenden Kerzen; dann isst er die alten guten Sabbatspeisen, dieselben, die sein Vater und sein Grossvater an jedem Freitag gegessen haben, und wenn er dann mit der Frau und den Kindern die alten, traulichen Sabbatlieder in den alten traulichen Weisen singt, — dann ist er im Paradies, glücklich, ohne die Sorgen des staubigen Alltags. Dann ist er König, die Stube sein Reich, das Sammetkäppchen seine Krone und der Tisch sein Altar. Stille, zufriedene Frömmigkeit strahlt von ihm aus, auf die Frau, die Kinder, erfüllt die Stube mit lichtem Glanz — — — ein Engel Gottes schwrebt in das Zimmer mit leichtem Flügelschlag, — und die zwei Kerzen auf dem Tisch mit ihrem ängstlichen Flimmern brennen ruhiger — höher — — reiner. Nicht zu allen Zeiten ging es so friedlich zu in der Judengasse. Die nächtlichen Schatten haben andere Szenen gesehen — wenn die fanatische Menge fessellos die Gasse durchraste, dem Juden Thür und Fenster einschlug, um ihm sein Geld undseine schönen Töchter zu rauben, um in ohnmächtiger Wut seine Heiligtümer zu schänden, und wenn der Jude, Gott auf den Lippen, seinem Kind und sich selbst das Messer ins Herz stiess, — das alles haben die Schatten gesehen, da die Flammen blutrot zum nachtschwarzen Himmel aufstiegen und dem Schöpfer die letzten Seufzer, die letzten Gebete, die Todesgrüsse seiner Heldenkinder brachten--und die Schatten schauern im Grauen der Erinnerung; ich >/v, aber möchte ihnen erzählen die ganze Nacht, neue Geschichten aus neuen traurigen Zeiten — aus dem neuen Ghetto, das dunkel, mit ragenden Mauern, auf den Trümmern des alten sich aufgebaut. — — — Aber die Zeit ist um. Der Tag graut. Ed.. Moyse. An den Häusern hinhuschend schwinden die Schatten, gespenstisch und leise, wie sie gekommen. Die Märchen fliehen fort. Das Flüstern verhallt, und der Nachtwind verrauscht. Es wird Tag. Neugierig schaut die Sonne über die hohen Häuser, und all der wundersame Zauber ist verflogen ins Traumland, geschwunden wie schreckhafter Spuk. Und am Tag ist die Judengasse ganz anders. Der Tag nimmt ihr die zauberische Schönheit der Nacht, er zieht den Märchenschleier von ihr und deckt sie auf in ihrer schmutzigen Nacktheit. Am Tag ist sie wie die andern Strassen und Gassen der Stadt -- noch weniger, traurig, alt, schmutzig, passt nicht in die neue Umgebung mit den roten Ziegeldächern — und deshalb reisst man sie auch nieder. An das, wras sie früher war, denkt man nicht. Der Tag lässt keine Zeit dazu. Das, was vor ihm war? kümmert ihn nicht. Er ist selbst ein neues Blatt, das hastend beschrieben wird. Zum Denken, zum Träumen ist die Nacht. Und in der Nacht ist die Judengasse tot. Und der Tod ist ein Dichter. Den Menschen und den Gassen nimmt er das Schlechte, Hässliche. Nur das Gute lässt er sehen, das Schöne, verklärt sie mit geheimnisvollem Schimmer küsst sie. — — Am Tag lebt die Judengasse. Und der Tag ist wie das Leben, brutal, grausam, ohne Poesie. Deshalb verschwinden am Tag die Schatten in den hohen, winkligen Häusern, — bis zur Der Philosoph. . nächsten Nacht.--