Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 191 - 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Henryk Glicenstein
Date
1903-03-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583908-2586844--02649-2586926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

191 Rosalia Perles: Henryk Glicenstein 192 Viele andere Porträt-Büsten folgten: von Dr. Polak, Nelidoff, Graf Strogonoff und andere. Die Statuen „Circe" und „Vor dem Sturm", sowie die Gruppe „Sphinx als Würgerin" sind entworfen und der Vollendung nahe. Die Sphinx-Gruppe ist ein dem „Schicksal" ähnliches Verzweiflungs-Motiv. Der Mann, der vor ihr steht und ihr Rätsel nicht zu lösen vermag, wird von ihr erwürgt. Das grosse unlösbare Rätsel des Lebens — ein jeder wird erwürgt, bevor er es lösen kann. Warum, so fragt man, ist jedes Werk von Glicenstein ein Trauerspiel? Warum sinnt er unablässig an den dunklen Seiten des Lebens, warum grübelt sein Gehirn über lauter Symbolen düsterster WeltaufTassung Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Warum ist seine Kunst alles, nur nicht heiter, warum ist sie niemals heiter? Das zu erklären, bedarf es mehr als eines Schlüssels. Zunächst die gähnende Kluft zwischen seinem Ansehen als Künstler und seiner äusseren Lebenslage. Dieser grelle Kontrast machte sich schon in München fühlbar und zerriss immer wieder die kaum errungene Harmonie, das schöne Gleichgewicht der Seele. Im Reiche der Kunst ein fürstlicher Gebieter, ein Reicher, der die Fülle seiner Schätze unbekümmert ausstreute, im Leben ein armes, unbeholfenes Kind, ohne Subsistenzmittel, losgerissen von allen Wurzeln seines bisherigen Daseins, ein Spielball für Wind und Wetter, widerstandslos jeder Gefahr und jeder Krankheit ausgesetzt, ohne schützendes Gewand, ohne Bett, mit einem Minimum von Nahrung auskommend — das ist das ungefähre Bild des tragischen Kontrastes zwischen seinem himmlischen, seinem Künstlerdasein und seinem Erdendasein. In dieser grossen Künstlerseele jedoch, die ihr eignes Ich nur als Atom empfindet, fliesst das eigne Schicksal über in den Strom des grossen Menschenschicksals. Seine Seele ist wie H GLICENSTEIN. VASE eine Glocke, in (Im Besitze des Grafen G. J. Rom ) fPfr ms* fe-^Üs^ . H. GLICENSTEIN. VASE IN BRONZE. wrelcher jedes menschliche Schicksal in tausend Tönen wiederhallt. Am lautesten aber, alles andere weit übertönend, das Schicksal des eigenen Volkes. So lange er denken und schaffen kann, klingt es in seinem Innern fort und lässt ihn nicht los im Wachen und im Träumen. Es schwebt ihm vor als erstes und letztes, als höchstes und einziges Problem. Als er noch kaum den Griffel führen konnte, begann er schon damit, diesem Problem Gestalt zu geben. Es begleitete ihn durch alle Stadien seiner Entwickelung bis auf den heutigen Tag. Es hat die Gestalt eines gefesselten Messias angenommen. In ihm soll die Tragödie aller Tragödien, das ganze Leiden Israels durch die Jahrtausende, in Stein verkörpert werden. Dieser Riesenentwurf soll, in riesigen Dimensionen ausgeführt, das Werk seines Lebens werden. Aber wie sein Messias, so trägt auch er noch schwere Fesseln. Wird er durchdringen zu allgemeiner Anerkennung, wird es ihm vergönnt sein, einst, wie sein grosses Vorbild Antokolski, frei seine Schwingen regen zu können, nur dem Gebot seines Genius folgend und nicht dem der Notwendigkeit? Er selber will nicht eher an sich glauben, als bis es ihm gelungen sein wird, seine Eltern, die noch immer in der kleinen Stadt Turek mit Sehnsucht auf den Moment warten, in dem der Sohn ihnen als grosser, gefeierter Künstler entgegentreten wird, aus ihrem Elend zu erlösen. Augenblicklich trägt er sich mit neuen, fast nur jüdischen Entwürfen. Die nächsten Arbeiten sollen „Der „Rabbi und „Barkochba" sein. Er sehnt sich danach, dem eigenen Volke endlich sein Schaffen widmen zu können; er fühlt in tiefster Seele, was er seinen Volksgenossen schuldig ist, und trauert darüber, diesem Sehnen nicht gerecht werden zu können. Das eben ist ja das jüdische Elend, dass keine Nation da ist, die das Nationale will, dass von den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.