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Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 189 - 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Henryk Glicenstein
Date
1903-03-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 7)
Language
German
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189 Rosalie Perles: Henryk Glicenstein. 190 Schicksal zu kämpfen hatte, mit den Hindernissen, die ihm den Lebensweg fast ungangbar machten. Ein edel gebildeter Jüngling will vorwärts, immer vorwärts dringen; aber er kann nicht, ein Mächtigeres hält ihn zurück, stemmt sich ihm entgegen, eine unheimliche Gestalt versperrt ihm den Weg. Gleichzeitig mit dieser Gruppe, die in Warschau im Jahre 1897 den zweiten Preis errang, entstand die überlebensgrosse Gruppe „Kain und Abel", oder wie der Künstler sie lieber bezeichnet: „Der erste Tod". Gleich der erste Tod war kein natürlicher. Kaum waren zwei Brüder auf Erden, als auch schon der Bruderzwist ausbricht. Der Bruder erschlägt den Bruder — am Altar hatten sie sich entzweit. Der Hass, der die Menschen, der die Nationen, der die Religionen entzweit, hier ist er schon im Keime enthalten. Die ungebändigte Wut macht den einen zum Mörder, den anderen zum Opfer. Fast schätzt man den Gefallenen glücklich, dem ein liebender Gott eben noch die Opfergabe wohlgefällig aufgenommen hatte; er hat überwunden; für ihn giebt's keine Schrecken mehr. Beim Anblicke des Mörders, werden wir gepackt von dem Schrecklichen, was ihm nach dem Erwachen aus dem Zornesrasen, von dem sein Antlitz zeugt, bevorsteht. Wir zittern vor seinem Erwachen, wie vor etwas, das wie Hölle aussieht — die Hölle des schuldbeladenen Gewissens. In ganz kurzen Zwischenräumen wurden jetzt die Gruppe „Muttersorgen", die Figur „Der Wanderer", das „Narciss-Relief" und „Nostalgia" (Heimweh) geschaffen. Dis Gruppe „Muttersorgen"! Man ist gewöhnt, das Mutterglück als höchste Ausprägung der Kunst zu allen Zeiten und bei allen Nationen dargestellt zu sehen. Giebt es schon, menschlich genommen, keinen schöneren, beglückenderen Anblick, als eine Mutter mit ihrem Kinde, so hat die christliche Kunst diesem besten und schönsten Vorwurf noch eine himmlische Glorie hinzugefügt, so dass es kaum einen bildenden Künstler giebt und gell. GLICENSTEIN. (Statue in Bronze. Im Besitze geben hat, der nicht sein bestes Können an diesen Stoff gesetzt hat. Und nun diese Mutter mit diesem Kinde! Das, was das höchste Glück ausmachen sollte, wird zum herzbrechenden Jammer. Eine Mutter, die vor Sorge und Armut sich ihres Kindes nicht freuen kann! Während die hagere Gestalt das auf ihrem Schosse ruhende Kind mit der einen Hand umfasst, stützt sie mit der anderen ihr sorgenschweres Haupt und zermartert sich das Gehirn, wie sie, die selber abgezehrt und ausgehungert ist, Nahrung für das Kind herschaffen soll. 0, ihr grossen Meister alle, die ihr die Mutterliebe in Glück und Glanz, in hundertfältigen Meisterwerken dargestellt, an diese Mütter habt ihr nicht gedacht. Unser Meister aber kannte gerade diese Mütter. Er ist unter lauter Bildern des Elends aufgewachsen, er konnte „Muttersorgen" und alle anderen Arten Sorgen bei seinem armen Volke in tausend Variationen sehen und studieren. Seine tief empfindende Seele war der weiche Thon, in den sich diese Bilder für ewig eingegraben haben, so dass später seine Hand sie nur abzuschreiben brauchte. Abstammung, unverwischbare Jugendeindrücke machten ihn zum Darsteller solcher Stoffe, die von Glück und Glanz, von Sonnenpracht und heiterer Lebensfreude weit abliegen. Nach Vollendung aller dieser Arbeiten vergönnte sich der Künstler eine Erholungsreise nach Paris zur Weltausstellung. Vom Bahnhof ging's direkt in die der plastischen Kunst gewidmete Ausstellungshalle. Es wurde ihm nicht schwer, in dem mit Skulpturen aus aller Herren Ländern dicht angefüllten Saal seine Gruppe „Kain und Abel" herauszufinden. Wer beschreibt aber seinen freudigen Schreck, als er sie mit der silbernen Medaille ausgezeichnet fand! Von Paris zurückgekehrt, fing er den „klagenden Orpheus" zu modellieren an, auch die Büste seines Schwagers Hirszenberg, welche das Krakauer Museum Narodowe angekautt hat, entstand um diese Zeit. MELANCHOLIE, des Herrn ß. N. Rotschild, Wien.)

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