Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Rosalie Perles: Henryk Glicenstein. 194 Juden Alles eher begehrt, verstanden und geschätzt wird, als das Jüdische. Bittere Klage führt Glicenstein über seine Glaubensgenossen, die von ihren eigenen Volkskräften und all ihren Kundgebungen nichts wissen wollen. Wird der frische Hauch, der von Osten her weht, der dem matten Judentum neues Leben einflössen soll — wird er auch ihm Rettung bringen? Wie dem auch sei, Glicenstein ist und bleibt ein Typus jüdischen Heldentums, einer von den unwiderleglichen Zeugen, die uns kund thun, wie reiche, ungeahnte, lang eingedämmte Kräfte im Osten unter der Decke des Judenelends verborgen liegen, Kräfte, von denen man ahnend vorausschaut, dass sie berufen sind, früher oder später nicht nur das deutsche, sondern das Judentum der ganzen Welt mit frischem Safte zu durchdringen und für jeden abfallenden Zweig tausend neue Schösslinge anzusetzen. IN DER JUDENGASSE. Eine Skizze von Eugen Mayer (München). allem, was vorgeht Welt---- In jedem Jahr komme ich in die Judengasse der kleinen süddeutschen Stadt. Die Gasse hat eigentlich nur noch ein historisches Recht auf ihren Namen: es wohnen fast keine Juden mehr darin. Nur die Leute, .bei denen ich meine Ferien verbringe, und nebenan ein russischer Jude mit seiner Familie. Den „Pollack u heissen ihn liebevoll die andern, deren Väter oder Grossväter gewiss auch einmal „nur" Pollacken waren. . . . Dann ist noch die „Schul" da, die alte, heilige Schul mit den kleinen, zerbrochenen Fenstern und dem unscheinbaren Aeussern. An ihren Mauern sind Jahrhunderte vorbeigezogen, haben ihnen Frieden und Sturm gezeigt, haben sie alt und grau gemacht. Im Vorhof stehen die Steinbänke, auf denen sie seit hundert und hundert Jahren sitzen, bevor es Zeit ist „Schule zu gehen"; und da sprechen wenn der Tag Abschied nimmt und die Sonne sie von den Neuigkeiten in der „Kehiliah", von den scheidend die Berge küsst, dann ist es wie früher: Getreidepreisen, von den schweren Zeiten und von mich umfängt dasselbe lauschige Halbdunkel, es H. GLICENSTEIN. MUTTERSORGEN. (Statue in Bronze. Im Besitze des Fürsten Gallizin) in Gottes grosser, weiter Aber all das vergesse ich, wenn ich in die Schul selbst hineingehe, die drei Stufen hinunter. --— Wieviel Geschlechter sind vor mir diese ausgetretenen drei Stufen hinabgeschritten, wieviel Finger haben andächtig den abgegriffenen Thürpfosten gestreift, wieviel Lippen inbrünstig das „Ma tauvu" gemurmelt! Und diese grauen Wände, die so kalt hinunterblicken! Wieviel Gebete haben sie gehört, wieviel heisses Flehen, wieviel glühender Dank ist zu ihnen hinaufgedrungen im angstvollen Zwielicht der Kerzen! — AU die Geschlechter sind gegangen, gefallen wie die Blätter im Herbst. — Jetzt geht man in der Synagoge auf Mosaik. Elektrisches Licht strahlt; und die Orgel rauscht. — Aber am Abend,