Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 187 - 188 (sequence 6)
- Language
- German
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187 Rosalie Perles: Henryk Gucenstein. 188 H. GLICENSTE1N. PORTRAITRELIEF. in der sicheren Erwartung, nunmehr seine Zelte in der Heimat aufschlagen und, aller Sorgen enthoben, seiner Kunst leben zu können. Doch nicht das kleinste Zeichen von Teilnahme oder Interesse wurde dem Heimgekehrten und seiner Kunst entgegengebracht. Nicht einmal die ihm vor seiner letzten Abreise versprochenen Aufträge wurden ihm gegeben. Und wie immer, verliess er auch diesmal seine Heimat mit Enttäuschung. Aber diesmal verliess er die Heimat nicht allein. Die Schwester Hirszenberg's, seine langjährige, treue Freundin, folgte ihm als Gattin. Nur eine Frau, in deren Adern gleichfalls Künstlerblut wallt, konnte den Mut haben, dem existenzlosen Künstler nach Rom zu folgen. Hoher Idealismus, felsenfestes Vertrauen auf den endlichen Sieg wahrer Kunst gehörte dazu. Nur eine solche Gattin konnte der Künstler heimzuführen wagen. Heimführen! Er hatte ja gar kein Heim, langsam musste das Paar anfangen, sein Nest im kleinen zu bauen. Der erste Grundstein dazu wurde aus der Gruppe „Melancholie", „Das Mädchen mit der Mandoline" gewonnen. Graf Strogonoff, bis dahin für den Künstler fast eine Märchengestalt, von der man nur von ferne erzählen hört, suchte das Atelier des Künstlers auf, sah die Figur, als sie erst in Thon geformt war, konnte sich nicht mehr davon trennen und kaufte sie, ehe sie noch gegossen war. Wer kann auch diese Figur sehen, ohne gerührt zu werden? Sie steht vor mir, der Künstler in seiner Freundschaft sandte mir vor 4 Jahren aus Rom einen Abguss. Wie die vornübergebeugt sitzende jugendliche Gestalt in Traurigkeit sich auflöst! In jedem Gliede einzeln, in der ganzen Haltung, dem geneigten Haupte, der in schmerzlichster Resignation über das Knie herabreichenden einen Hand, während die andere müssig, wie mechanisch, die Harfe hält — liegt die vollendete Trostlosigkeit. So jung das Geschöpf ist, das da in sich gekauert vor uns dasitzt — es ist fertig mit der Welt, es dringt kein Strahl von Hoffnung mehr in dieses vor der Zeit geknickte Menschenherz. Ein Blümchen, halb erschlossen nur dem Licht, Und ach! so welk und matt! Die Anmut selbst, so -unbewusst und schlicht, Und ach! so lebenssatt! Was löscht' sobald der Hoffnung Flamme aus, Du armes, armes Kind? Was trieb Dich fort aus Deinem Vaterhaus In's Leben hartgesinnt? Was frage ich, warum Dein Saitenspiel So jäh, so jäh verklang? Ein Schatten war's, der auf die Liebe fiel — Dein junges Herz zersprang. Mit diesen Versen hat ein ebenbürtiger Geist dem geweihten Kunstwerk noch eine zweite Weihe, die Weihe der Dichtkunst, hinzugefügt. Ermutigt durch den Verkauf der Figur, glücklich, ein Wesen um sich zu haben, das für ihn sorgt und mit ihm sorgt, wuchs Glicenstein an Arbeitskraft in erstaunlichem Masse. Er fing sogleich an, die Gruppe „Das Schicksal" zu komponieren, in welcher er den Kampf versinnbildlichte, den er mit seinem eigenen H. GLICENSTEIN. HERMES UND EURYDIKE. (Skizze in Marmor.)