Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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181. Rosalie Perles: Henryk Glicenstein. 182 Pupille förmlich Licht ausstrahlte! Wenn man die Bekanntschaft dieser Augen gemacht hatte, stiess man sich an nichts mehr, was dem jungen Manne zu einem Münchener Akademie-Eleven äusserlich noch fehlen mochte; man fühlte deutlich, in der Hauptsache, im starken Talent, konnte er's sicher mit den andern aufnehmen. Giebt es einen weiteren und getährlicheren Sprung, als von der polnischen Jeschibah nach der Münchener Akademie der Künste? Dort weht eine zersetzende Luft. Selbst die in westlicher Kultur aufgezogenen Söhne sehen die Eltern nicht ohne Besorgnis in dieser Atmosphäre der Leichtlebigkeit, unreifer Ueberhebung und manchmal zügelloser Lebensansichten. Auf schwächere Naturen wirkt sie oft verderblich und hat schon manches Unheil angerichtet. Wie musste diese Umgebung auf Glicenstein wirken? Dieser unvermittelte Uebergang musste plötzlich alles von ihm absprengen, was bisher sein Leben und Denken ausgemacht hatte. In dem „Zweifler", seiner ersten Arbeit an der Akademie, stellte er sich selber in seinem damaligen, traurigen Zustand dar: Der Mönch mit dem tief traurigen, ins Unendliche sich verlierenden Blicke sucht den verlorenen Frieden. Glicenstein brauchte Zeit, um sich wiederzufinden, aber er fand sich wieder. Er fand sich wieder bei der Arbeit, beim unermüdlichen Schaffen. Im grossen und ganzen kann man sagen, seine ganze Lehrzeit an der Akademie war eine Art Triumphzug. In mancher Beziehung übertraf er nicht nur seine Kollegen, sondern auch. seine Lehrer. In der Tiefe der Empfindung, in der Kraft, mit der er diese Empfindung wiedergab, in der Sicherheit, mit der sein Feuerblick den Gegenstand durchdrang, die charakteristischen Merk- PORTRAIT DES MALERS S. HIRZENBERG. male festhielt und zum plastischen Ausdruck brachte. Er besass von Natur, was man nicht lernen, was keine Anleitung und auch kein Fleiss gewähren kann. So kam es, dass er, was zu lernen war, sehr schnell erfasste, und der Künstler fertig war, ehe ein anderer die elementarsten Handgriffe erlernt hätte. Sein grosser Lehrer, Professor Rümann, warj nicht wenig stolz auf * einen solchen Schüler, obgleich er sich wohl bewusst war, dass das beste, was Gl. leistete, nicht von seinem Unterricht herrührte. Der Prinzregent, der als treuer Freund und Beschützer der Kunst und der Kunstschulen . die Akademie häufig besuchte, verfehlte niemals, Glicenstein beij seiner Arbeit aufzusuchen, sich mit ihm über ihren Fortgang zu unterhalten und sich über Sinn und Absicht eines jeden Werkes zu informieren. Dabei musste ihm natürlich die mangelhafte Ausdrucksweise (Sprechen ist Gl.'s. schwächste Seite) im Gegensatz zu seinem hervorragenden Gestaltungstalent auffallen. „Der junge Mann da kann ja keinen Satz zusammenhängend sprechen," sagte der Prinzregent einmal zu Rümann, indem er auf Glicenstein zeigte. „Macht nichts, Königliche Hoheit," erwiderte dieser, „er kann sich eben nur in Marmor ausdrücken." Dieses Wort ist in München bekannt geworden und trug viel zur richtigen Würdigung Glicenstein's bei. Er war mit seinem Schaffen an der Akademie sozusagen das Paradestück, mit dem man bei jeder Gelegenheit Staat macht. Es war keine Ausstellung, keine Konkurrenz plastischer Arbeiten an der Anstalt, in der er nicht als bester und erster mit seinen Skulpturen glänzte. Und die anderen jungen Bildhauer erkannten, was doch gewiss zu verwundern ist, sogar neidlos die Ueberlegenheit des. kleinen, unansehnlichen polnischen Juden an und baten ihn öfters bei späteren Wettbewerben, sich nicht mehr zu beteiligen, da doch sonst niemals ein anderer zu einem Preise käme. H. GLICENSTEIN: MÄDCHEN MIT AMPHORA.