Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Rosalie Perles: Henryk Glicenstein. 184 Desto mehr zogen sie ihn heran, wenn es galt, einem ihrer plastischen Gebilde die letzte Vollendung zu geben, ihnen über eine Schwierigkeit hinwegzuhelfen, oder an einer im übrigen fertigen Büste die Porträtähnlichkeit herzustellen. Wie oft verschaffte sein Eingriff und seine verbessernde Hand einem Kolleg-en Auszeichnung und Ehrenpreise, und wie freute sich Gl. damit! Ein Reicher, wie er, brauchte nicht sparsam hauszuhalten mit seinen Schätzen. Als seine Lehrzeit längst vorüber war, wurde ihm noch jahrelang gestattet, ein Atelier in der Akademie und damit auch die dorthin bestellten Modelle für seine Arbeiten zu benutzen. Man war eben überzeugt, diesen Vorzug keinem Würdigeren einräumen zu können. Schon im Jahre 1892 konnte er als Preisgekrönter mit der silbernen Medaille zum Zwecke der Militärstellung in die Heimat reisen. Seine erste Arbeit „Der Zweifler" hatte ihm schon diese Auszeichnung gebracht. Nachdem er militärfrei geworden, fehlten ihm die Mittel, nach München zurückzukehren. Da kam die Hilfe von einem Freunde, der für 150 Rubel 2 Porträt-Büsten seiner Kinder anfertigen Hess. In München errang er in der Weihnachts-Konkurrenz im Jahre 1893 den ersten Preis für „Narciss" und bald darauf in .Lemberg für eine Porträt-Büste bei der Magdalenen-Konkurrenz den zweiten Preis. Das Jahr 1895 schloss seine Münchener Lehrzeit ab. Es war ein entscheidendes Jahr. Denn zu der grossen Schulmedaille, mit welcher er aus der Akademie seine Entlassung erhielt, kam der Rom-Preis von der H. GLICENSTEIN. PORTRAITSKIZZE IN MARMOR. Berliner Akademie für seinen „Arion". Der Berliner Preis verpflichtete ihn nun, nach Rom zu gehen. Was war ihm Rom? War es ihm, wie wohl den meisten jungen Künstlern, das Ziel, der Gipfel seiner Wünsche? War er, wie die anderen alle, von der Fülle neuer Kunsteindrücke, die hier auf ihn einströmten, betäubt, verwirrt, in seinem Schaffen aufgehalten? Man kann einfach sagen, Rom bot ihm nicht viel mehr, als was München ihm zuletzt geboten hatte: Ein Atelier, in dem er arbeiten konnte, Künstlerkollegen, die ihn zu würdigen verstanden, und Thon, den er nach seinem Willen formen konnte. Seine stark ausgeprägte Individualität wurde in ihrem ureignen Empfinden, Grübeln und Gestalten durch nichts für die Dauer aufgehalten. Im Anfang seiner Lehrzeit giebt er die Wirklichkeit, wie sein durchdringendes Auge sie sieht, noch roh und unpoliert mit kühnem Griffel wieder. Im Laufe der Jahre wächst sein technisches Können, er geht durch die Schule der Griechen, lernt klassische Formgebung, und fördert Werke wie „Arion" und „Narciss" zu Tage. Aber es ist eben nur ein Durchgang für ihn, er berauscht sich nicht lange am griechischen Schönheitsideal, er, der moderne Realist auf der einen, der mit jüdischem Schrifttum genährte Jude auf der anderen Seite — er hat andere Sorgen, er hat andere Ideale. Er langt bald wieder, aber nun als fertiger Meister, bei seinem Ausgangspunkte, bei der Natur, an, und ist nunmehr gewillt, das Gelernte und Gesehene seinen eigenen Absichten dienstbar zu machen, das, was in der eigenen Brust wohnt, mit seiner Kunst ans Licht zu bringen. Den Kopf voll von Entwürfen ging er an die Arbeit und schuf mit dem ihm eigenen eisernen Fleisse eine Anzahl herrlicher, kleinerer und grösserer Werke. Durch einen glücklichen Zufall besuchte eines Tages Professor Joseph von Kopf, wohl der angesehenste unter den deutschen Bildhauern in Rom, Glicenstein's Atelier. Verblüfft über alles, was er hier zu sehen bekam, brach er in die Worte aus: „Bildhauer giebt es viele, aber wenige Künstler." Ein Urteil, das als Seitenstück zu jenem oben erwähnten Worte Rürnann's gelten kann. Kopf, der ein Album der vornehmsten Werke neuerer Plastik sich angelegt hatte, bat Glicenstein um Phothographien mehrerer seiner Arbeiten, die er diesem Album einverleiben wollte. Bald darauf erschien er zum zweiten Male in Glicenstein's Atelier, diesmal begleitet von einer als Schönheit bekannten Dame aus der vornehmen Gesellschaft. Diese bat Glicenstein, sie zu porträtieren, und fügte lächelnd hinzu: „Mein Freund, Professor von Kopf, scheint keine Lust mehr zu haben, mich zu porträtieren, nachdem er Ihre Bildnisse gesehen hat". Mit den in Rom angefertigten Arbeiten konkurrierte nun Glicenstein zum zweiten Mal an der Berliner Akademie und erhielt zum zweiten Mal den Preis. Ein nochmaliger, einjähriger Aufenthalt in Rom — dann kehrte Glicenstein siegesbewusst nach Lodz zurück