Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583908-2586844--02643-2586920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
179 Rosalie Perles: Henryk Glicenstein. 180 H. GLICENSTEIN. ARION. weichherzige, geerbt .— den völligen Mangel an Sinn für Besitz und an Verständnis für. die Bedürfnisse des Lebens. Das ist ja ohnehin das schöne Vorrecht des Genies, Dinge nicht zu wissen, die jedes Kind weiss. Der Genius kann nicht auf der gemeinen Erde wie gewöhnliche Menschen fortschreiten, es sind eben die Flügel, die ihn am Gehen verhindern. Auch der Gestaltungstrieb Glicenstein's ist ein väterliches Erbe. Jede freie Minute benutzte der Vater zum Schnitzen aus Holz oder Schiefer. Er verzierte mit seinem Schnitzwerk die Synagoge und machte den Kindern allerlei Spielzeug, das der kleine Henryk vervollkommnete, ergänzte oder — zerstörte. Bald nach der Barmizwah flüchtete der Knabe vor der Strenge seiner Eltern in die Jeschibah. Ohne Geld, ohne Wäsche und Kleider, bloss den Tefillinsack unterm Arm kam er in der Jeschibah an, wo er bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr das Brot des Elends ass, wenig lernte und viel unter den Verfolgungen zu leiden hatte, die das Offenbarwerden seines bildnerischen Hanges ihm zuzog. Das ging ja direkt gegen das Gesetz. „Du sollst Dir kein Bild machen", damit ist der Verfolgung, dem fanatischen Hasse Thür und Thor geöffnet. Ueberau sprach man davon, und der Vater sah s'ich schliesslich veranlasst, den Sohn, wie es das Gesetz ohnehin vorschreibt, ein Handwerk lernen zu lassen und zu diesem Zweck nach Lodz zu schicken. Er wusste nicht, was er tat und ahnte nicht, was entstehen konnte. In Lodz suchte nun Glicenstein bei all den Handwerkern Arbeit, von denen er meinte, seine Kunst könnte ihnen nützlich sein. Aber weder die Schildermaler, noch die Holzbildhauer für Möbel, noch die Schirm- und StockgrifT-Schnitzer konnten seine Kunst verwerten. Unterdessen arbeitete er aber immer fleissig, seinem Hange folgend, sowohl für sich, als auch für die erwähnten Handwerke, und er fing an, als Wundermann zu gelten und bekannt zu werden. Endlich wurde das Lodzer Tageblatt (Dziennik Lodzki) auf seine Arbeiten aufmerksam gemacht.. Die Redaktion veranstaltete mit ihm eine Art Prüfung. Bei dieser Prüfung muss er wohl Erstaunliches geleistet haben; denn die Zeitung brachte bald einen begeisterten Artikel über ihn und seine Arbeiten, dem bald darauf ein zweiter folgte. Die Wirkung dieser Artikel bestand darin, dass die bessere Gesellschaft neugierig auf ihn wurde und ihn mit Einladungen überschüttete. Zum Salonmenschen aber fehlte unserm Helden nicht weniger als Alles. Woher sollte auf einmal der. arme Talmudschüler die nötige äussere Tünche, Kleidung, Manieren, die Fähigkeit, sich zu bewegen und auszudrücken, nehmen? Aber etwas besseres als die Gunst der Lodzer Salondamen sollte ihm beschieden sein. Ein hochherziges, ideal denkendes Mädchen nahm sich des Verlassenen an, füllte die Lücken seiner einseitigen Ausbildung durch trefflichen Unterricht aus und suchte mit liebevoller Geduld auch die äusseren Umgangsformen zu verbessern. In dieser Zeit war es, als der Ruhm des Malers Hirszenberg, seines Landsmannes und nachmaligen Schwagers, in die Heimat drang. Der Maler selber weilte fern von Lodz. Aber sein jüngerer Bruder und seine Schwester führten Glicenstein in ihr Haus ein, förderten ihn in seinem künstlerischen Streben, ermutigten ihn in seinem Vorhaben, sich endgiltig der plastischen Kunst zu widmen und empfahlen ihn einem Herrn, der als sein Protektor ihm die Reise nach München im Frühling des Jahres 1890 ermöglichte. Nach kurzer Prüfungszeit fand er Aufnahme in die Akademie der Künste. Um diese Zeit trat er in unsern Gesichtskreis. Die kleine, schmächtige Gestalt unterschied sich damals in ihrem Aussehen, Wesen und Auftreten in nichts von dem polnischen Bachur, als welcher der nunmehrige Akademiker bis jetzt hatte leben müssen. Nur an den Augen merkte man sofort etwas Ungewöhnliches, noch nie Gesehenes. Wie sie leuchteten, wie der feurige Blick alles zu durchdringen schien, wie die pechschwarze