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Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 163 - 164

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Moritz Gottlieb
Date
1903-03-01
Page
Seite 163 - 164 (sequence 2)
Language
German
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163 Prof. Dr. Henryk von Struve: Moritz Gottlieb. 164 Ziele bewusst war und die Technik seiner Kunst vollkommen beherrschte. Der Erfolg dieses Bildes in München lenkte die Aufmerksamkeit der Kunsthändler auf den jungen Maler und brachte ihm einige ehrenvolle Bestellungen ein. Unter anderen beauftragte ihn Bruckman, 12 Illustrationen zu Lessings Nathan dem Weisen herzustellen. Das war ein Gegenstand, der der künstlerischen Eigenart Gottliebs am besten zusagte. Leider wissen wir nichts Näheres über das Schicksal dieser Bestellung. Es hiess, Gottlieb habe fünf von den erwähnten Zeichnungen noch ausführen können. Im Jahre 1877 nach der Heimat zurückgekehrt, vollendete er ein zweites grösseres Bild, welches einen Moment aus dem Leben Uriel Acostas darstellt. Der einzige Lichtmoment in dem Leben dieses unglücklichen Skeptikers war seine Liebe zu der Rabbinerstochter Judith van der Straaten. Aus dieser Liebe schöpfte bekanntlich Gutzkow das Thema zu einem seiner schönsten dramatischen Werke, und auch Gottlieb wählte sie zum Vorwurf seines Bildes, das mit noch grösserer Kraft und Pracht, als sein erstes Werk, für den grossen Reichtum seiner Seele und sein hohes künstlerisches Können Zeugnis ablegte. Das Bild war zusammen mit dem „Shylock" im Jahre 1879 in Lemberg ausgestellt, eroberte dem jungen Maler die Herzen aller Kunstfreunde und stellte ihn in die Reihe unserer hervorragendsten Maler der jüngeren Generation. Das Interesse, welches es dort und in Warschau, wo es ein Jahr später ausgestellt wurde, erregte, war ungemein lebhaft undwolverdient. Die lebensvolle Komposition, voller Wahrheit und romantischen Zaubers, zeigt Uriel in dem Moment, da er, im Garten unter einem reich geschmückten Zelte sitzend, vor Judith seine religiösen Anschauungen entwickelt Das Antlitz mit der leichten asketischen Schattierung zeugt von schwere^ inneren Kämpfen, doch der Ausdruck männlicher Reife und Festigkeit deutet auf Energie und seltene Ueberzeugungskraft hin. Judith lauscht aufmerksam den Ausführungen des Freundes und blickt in das vor ihm aufgeschlagene Buch. Die ganze Szene kennzeichnet eine ungewönlich feine Charakteristik der Seelenzustände der dargestellten Figuren und stimmt den Zuschauer unmittelbar zur ernsten Kontemplation. Doch scheint das Liebespaar nicht seine ganze Zeit mit religiösen Diskussionen auszufüllen; wenigstens erblicken wir auf dem Tisch neben dem Buch auch die heiteren Symbole der Romantik: eine Guitarre und eine Rose, die den Gedanken von dem Druck allzu schwermütiger historischer Reminiscenzen befreien. Das dritte und letzte — grosse und vollendete — Bild Gottliebs sind die „Betenden Juden", am Jom-Kippur, wenn der Tag sich neigt. Das Bild war 1878 im Wiener Künstlerhause und im Warschauer Salon ausgestellt. Ueberwiegend aus Familienporträts zusammengesetzt, stellt dieses Bild freilich keine lebhaftere Aktion, kein kompositorisches Moment dar, welches allgemeines Interesse erregen könnte, dafür aber entfaltet es ebenso meisterhaft wie tiefergreifend die ganze Skala verschiedenster religiöser Stimmungen der alttestamentarischen Frömmigkeit. In typischen Gestalten finden wir hier verkörpert: tiefsinnige beseligende Kontemplation, schmerzhaftes Brüten, als auch jenen melancholischen Skeptizismus, den man so häufig bei Gottliebs Glaubensgenossen mit einer religiösen Stimmung vereint findet .... Allein schon die rein künstlerische Seite des Bildes bekundete noch einmal. Gottlieb's ausserordentliche Fähigkeit, psychische Zustände zu charakterisieren, seine grosse Begabung für zarte Modellierung des Gesichtes, auf dem er die geheimsten und verborgensten Regungen der geistigen Individualität auszuprägen vermochte. Nachdem er mit den genannten Schöpfungen vor die breite Oeffentlichkeit getreten war und sich die allgemeine Anerkennung erworben hatte, dachte der junge Künstler keineswegs daran, auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern fühlte in sich den um so stärkeren Drang, sich in der Kunst zu vervollkommnen, seinen geistigen Horizont zu erweitern. Italien, Rom waren das Ziel seiner Träume. Da aber seine Mittel zu einer Reise und zu einem längeren Aufenthalt in der ewigen Stadt nicht ausreichten, wandte er sich an die Gemeinde seiner Vaterstadt mit der Bitte um Gewährung eines Darlehens von 500 Gulden. Es war zu erwarten, dass die Gemeinde, oder wenigstens die vermögenden Glaubensgenossen des jungen und doch schon so berühmten Künstlers, ihm in einer so wichtigen Angelegenheit gern zu Hilfe kommen würden. Doch die Antwort, welche ihm zuteil wurde, charakterisiert vortrefflich die geistige Atmosphäre, in der die guten Spiessbürger von Drohobycz dazumal dahinlebten. Der Gemeinderat erklärte kurz und bündig, man denke in Drohobycz eher daran, einen braven Anstreicher, als einen Maler zu unterstützen. Aber Dank der Opferwilligkeit seiner nächsten Angehörigen und seiner eigenen Anspruchslosigkeit, wurde es dem Künstler doch möglich, gegen Ende 1878 in Rom einzutreffen und einige Monate dort zu verleben. In Rom traf Gottlieb mit seinem Meister Matejko zusammen und wurde auch mit Henryk Siemiradzki näher bekannt. Der Einfluss dieser beiden Repräsentanten der polnischen Malerei im Vereine mit den unerschöpflichen Reichtümern der Metropole der modernen Kunst wirkte überwältigend auf die sensible Natur des jungen Künstlers und erschloss ihm neue, bis dahin unbekannte Welten. Das änderte freilich die bisherige Richtung seiner künstlerischen Bestrebungen nicht, seine Vorliebe gehörte nach wie vor den Gegenständen aus der Geschichte der Juden,1) aber er gab ihnen fortan Gottlieb, der in seiner Kindheit nur wenig jüdische Eindrücke empfangen und noch weniger jüdische Kenntnisse erworben hatte, wurde etwa in seinem 17. Lebensjahre durch die Lektüre von Graetz' „Geschichte der Juden" mit grosser Begeisterung für sein angestammtes Volk, dessen Religion und Geschichte erfüllt. Durch emsiges Studium erwarb er sich dann eine tüchtige Kenntnis des Judentums, das seinem Schaffen Schwung, Kraft und tiefen Inhalt verlieh. (A. d R.)

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