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Ost und West · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. Seite 161 - 162

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Moritz Gottlieb
Date
1903-03-01
Page
Seite 161 - 162 (sequence 1)
Language
German
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161 162 M. GOTTLIEB. GRUPPE AUS DEM GEMÄLDE „BETENDE JUDEN". MORITZ OOTTLIEB. Von Prof. Dr. Henryk von Struve, Warschau. Es war im Jahre 1879, als der Tod unter der Künstlerschaft Polens furchtbare Ernte hielt. Unter den Grabhügeln, welche binnen kurzer Zeit aufgeschüttet waren, erregte einer unzweifelhaft das allgemeinste und herzlichste Mitgefühl, weil er die sterbliche Hülle eines Künstlers deckte, der, kaum 23 Jahre alt, von dieser Welt Abschied nehmen musste, der er eine Reihe von Schöpfungen hinterliess, welche in ihm einen Künstler von glänzender Zukunft ahnen Hessen. Wir vermögen freilich nicht genau zu sagen, was diese Zukunft ihm und der vaterländischen Kunst gebracht hätte, wenn sein Lebenslicht nicht so früh ausgeblasen worden wäre — ebenso wenig wie wir imstande sind, vorherzusagen, was für eine Frucht die jetzt in voller Pracht prangende Blüte hervorbringen werde. Doch auch die Blüte allein, schön und frisch, reizt das Auge des Beschauers, weckt sein Interesse und vermag einen tiefen, dauernden Eindruck hervorzurufen. Zu solchen Blüten gehören die Schöpfungen des jugendlichen Gottlieb. Sie sichern ihm einen dauernden Platz in der neuern Geschichte unserer Kunst. Moritz Gottlieb wurde geboren am 21. Februar 1856 zu Drohobycz, einer der bedeutendsten und wohlhabendsten Städte im galizischen Petroleum-Bezirk. Die Stadt zeichnet sich durch eine besonders schöne Lage aus. Gottlieb entstammte einer jener wenig bemittelten jüdischen Kaufmannsfamilien, die stets das Bestreben haben, ihre Kinder zu idealeren Berufsarten zu erziehen. Sein Vater, ein kleiner Naphtahändler, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte, brachte gleichwohl gern alle Opfer, um nur die höheren Geistesanlagen seiner Söhne und Töchter zu entwickeln. Dank diesem edlen Bestreben des Vaters konnte der junge Moritz schon in seiner Heimatstadt ungehindert sein zeichnerisches Talent entwickeln und dann in die Wiener Kunstakademie eintreten. Nachdem er hier seine ersten Studien gemacht, kam er für kurze Zeit nach Krakau, um Matejko's Technik kennen zu lernen. Bald jedoch kehrte er nach Wien zurück, um sich unter Angeli und, wie es scheint, auch Makart weiterzubilden. Seine Studien beendete er unter Piloty in München, wo er auch Ende 1876, nicht viel über 20 Jahre alt, mit seinem ersten Bilde „Shylock und Jessica" vor die Oeffentlichkeit trat. Das Bild erwarb ihm sofort die aufrichtige Anerkennung der Kunstwelt. Es stellt die bekannte Szene aus dem Shakespeareschen Drama vor, wo Shylock seiner Tochter die Schlüssel zu seinen Schätzen anvertraut. Das tiefe Erfassen des Seelenzustandes beider Figuren, welches sowohl in der leidenschaftlichen Liebe des greisen Vaters zu seinem Kinde, als auch in dem unsichern, zwischen träumerischer Mädchenliebe und verräterischem Sinnen hin- und herschwankenden Gesichtsausdruck Jessicas zum Vorschein kam — legte Zeugnis ab von dem hohen Talente des jungen Künstlers, von seiner ungewöhnlichen Befähigung für die psychologische Malerei, für feine Charakteristik des Innenlebens. Dabei bewies der Adel der Komposition, die Korrektheit der Zeichnung (bis auf die noch etwas schwerfälligen und steifen Hände Jessica's), endlich die Lebhaftigkeit und Harmonie des Kolorits nicht nur die innige Hingebung des Künstlers an sein Werk, sondern sie bezeugen auch die grosse Sorgfalt der Ausführung, verraten eine tüchtige Schulung und allseitiges Können. Gleich mit diesem ersten Bild hatte ein vollendeter Künstler die Arena betreten, der sich seiner

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