Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Ein Fest der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 3)
- Language
- German
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149 Dr. Jonas Wolfsohn: Ein Fest der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. 150 < ft «Mtej^.; -"-'•v^'n '■•;!,.: * pmi 1^. '0fe- \ t~- ---^g M. GOTTLIEB: URIEL AC03TA UND JUDITH. KOPYRIGHT BY V. ANGJiRER. sitzen, der erworbene, individuell zu differenziert ist, um eine Einheit für 10 Millionen Menschenkinder zu schaffen. Ist es wirklich ein so schmales Brettchen, das die Judenheit der verschiedenen Länder mit einander verbindet? Oder stehen wir nicht alle auf demselben Grunde gemeinsamer Rassenartung, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Kulturüberlieferung und . . . gemeinsamer Feinde. Das aber nennt man gemeinsame Nationalität. Zu all diesen Erkenntnissen ist der Zentralverein langsam, weil ringend, und sicher, weil er das Gute wollte, vorgedrungen. Schon am 6. Oktober 1895 durfte Eugen Fuchs in einer Ansprache sagen, dass der Verein heute bereits das zu verwirklichen beginnt, was sein Name besagt, ein „Zentral-Verein deutscher Juden zu sein". Das sagt sein Name nicht, denn dieser war ein Programm: „Wir sind nicht deutsche Juden, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens." Und sechs Jahre später — am 23. Juni 1901, nachmittags 1 Uhr — konnte der treffliche Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Horwitz, erklären, dass er im Prinzip nichts dagegen habe, wenn der Verein hiesse: Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und jüdis eher Nationalität. Ihn störe diese Verlängerung nur in seinem — „ästhetischen Empfinden". Und nicht genug: er betonte nachdrücklichst, dass Eintreten und Mitwirken zionistischer Kräfte erwünscht wäre. Und diese Ueberzeugung ist auch auf dem Stiftungsfeste zum Ausdruck gekommen. Damit aber sollte die Scheidewand gebrochen sein, welche die beiden einzigen wirklich tätigen Gruppen in Deutschland trennte; und nun könnte der Boden für gemeinsames Schaffen gemeinsam geebnet werden. Das Wort Zionismus löst keine Krampfanfälle mehr aus. Man hat sich an den lieblichen Klang des Wortes Zion, der unsern Ahnen süsse Träume sang, wieder gewröhnt. Der bleiche Schrecken vor dem Begriff der jüdischen Nationalität höhlt nicht mehr die Gehirne aus. Man sieht ein, dass die Anerkenntnis dessen, was wir in Wahrheit sind, uns zu besseren, weil ehrlicheren Staatsbürgern macht, als die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Zionismus hat sich nur in seinen Forderungen präzisiert, nicht gemausert. Wären unsere Brüder nur früher zu den Quellpunkten der Strömung herabgestiegen und wären sie nicht den böswilligen, falschen und „geschäftssemitischen" Unkenrufen gefolgt!