Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Ein Fest der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 151 - 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583908-2586833--02610-2586906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
151 Dr. Jonas Wolfsohn: Ein Fest der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. 152 Es giebt nur einen Zionismus ■— und dieser. ist seiner Pflichten vollbewusstes Judentum* Die Treue gegen unser Volkstum lässt uns die Geschichte unserer Ahnen studieren, unsere nationale Kultur pflegen und entwickeln. Das Bewusstsein unserer Menschenwürde lässt uns unsere Ehre verteidigen und unsere Rechte sichern. Unsere Bruderliebe heisst uns für die Bedrückten und Heimatlosen unseres Volkes ein gesichertes Heim schaffen. Der Zionismus zwingt zu positiver Arbeit: an uns, für uns und durch uns. Ünd darin liegt das Geheimnis, warum die tüchtigen und selbstlosen Vertreter des Zentralvereins ohne Nachfolge geblieben sind, während die Jugend zumal die zur Führung dereinst berufene akademische Jugend" — soweit sie nicht ihr „überkommenes" Judentum verkümmern und Verkommen lassen will, sondern treu zum blau-weissen Banner hält — ins Lager der Zionisten geht: Der Zentral-Verein ist bei seiner sehr wichtigen — aber doch im Grunde negativen Arbeit stehen geblieben. Gewiss ist es von Wert, den bedrängten Jüden den Schutz des Rechtes zu sichern, und Aufklärung im Lande zu verbreiten. Allein, um diese Ziele zu erreichen — Aüiklärung und Rechtsschutz —, dazu war der Apparat zu gross. Und der Rahmen zu weit So wie der Verein sich heute nach aussenhin giebt, stehen die Aufgaben des Vereins in einem geradezu lächerlichen Verhältnis zu seiner agitatorischen Rührigkeit. Aber die Umwandlung in einen jüdischen Verein bereitet sich deutlich vor. Es wäre auch ein Jammer, wenn so viel Idealismus, Opferwilligkeit und Arbeitsfreude der jüdischen Gesamtheit verloren ginge. Ce n'est que le premier pas qui coute. Es bedurfte erst der Ueberwindung und Ausscheidung der immanenten destruktiven Tendenzen, um den Verein für die weiteren und höheren Aufgaben des Judentums brauchbar zu machen. Abwehr als Selbstzweck — das ist für die Angriffe meist minderwertiger Elemente zu viel; für das Judentum zu wenig. So mussten denn die Zwecke wachsen, und trefflich hat Fuchs diesen Entwicklungsgang in seiner Festrede gezeichnet: Wer in der Abwehrbewegung steht, sieht es mit Freude, wie die Gemeinsamkeit der Abwehr und das Bewusstsein der erfüllten Pflicht den Charakter stählt, das bange Gemüt erhebt und das Judentum verinnerlicht. Wer will diesen Werdegang dadurch stören, dass er sagt, wir sollten innehalten, weil wir , doch keinen Erfolg haben werden." Und wahrlich: ganz gleich, ob der Zentral- Verein seine praktischen Ziele erreicht, und ob es überhaupt möglich ist, sie zu erreichen, seine grossartige historische Bedeutung liegt allein darin, dass er uns endlich freigemacht hat vom Joche der politi^- schen Fortschrittsparteien, die auch heute noch so gern uns „tributpflichtig" halten wollen, und dass er so gründliche Vorarbeit geleistet hat für eine Gesamtorganisation der deutschen Judenheit. Diese aber brauchen wir, wollen wir von aussen her nicht zerdrückt und im Innern nicht zerfasert werden. So hat sich der Zentral-Verein entwickelt zu einem bedeutsamen Faktor in der jüdischen Re^- naissancebewegung. Unbeschadet unserer beständigen Treue zu unserem deutschen Staatswesen, die uns so selbstverständlich ist, dass wir vielleicht besser täten, sie etwas weniger laut auf die Gasse zu schreien, unbeschadet unserer Dankbarkeit zu dem kraftvollen Volke, das uns die Gleichheit im Prinzip gegeben und zu dem Herrscherhause, das die Toleranz für jeden Glauben so oft bewährt hat, wollen wir nicht die unbedeutendste Eigenheit unseres Erbes opfern, wollen wir Ahnenkraft, Ahnenart und Ahnenlehre erwecken, dass sie uns neue Schönheit, Geradheit und Brüderlichkeit schaffen. Sagen uns Stolz und Würde, dass wir uns unsere Rechte sichern müssen, so sagen uns Stolz und Würde auch, „dass es höher ist, die innere Ehre zu bewahren, als nach den äusseren Ehren des Staates zu begehren". „Der Zentral-Verein deutscher Staatsbürger ist nicht das letzte Blatt in der Judenfrage." Sie ihrer Lösung näherzuführen, wird es der Zusammenfassung bedürfen aller heute noch unter verschiedenen Namen wirkenden oder in Spezialaufgaben sich verlierenden Gruppen, die bewusst oder sogar — gegen ihren Willen eine Renaissance unseres Volkes herbeiführen. Eine neue Einheit wird sich bilden, zu der die sprudelnde Kraft des Zionismus und die ghettoängstliche Besonnenheit des Vereins mit dem goluslangen Namen Fundament und Gebälk liefern wird. Aber die heilige Trias der Pflichten wird sein Sicherung unserer staatsbürgerlichen Stellung, Sicherung des Ahnenerbes in uns und unsern Nachkommen, Sicherung der Heimatlosen unseres Volkes.