Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Ein Fest der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 Dr. Jonas Wolf söhn: Ein Fest der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. 148 hilfe zu gemahnen. Es war eine Erlösung,. dass die Juden dem Liberalismus nicht mehrdie Verteidigung überliessen, dass sie nicht mehr einer bestimmten politischen Partei aus Dankbarkeit, Trägheit und Oppositionsgelüst die Gelolgschaft leisteten. Es waren Regungen gesunder Manneswürde — und viele haben diese mit Freuden wirken sehen. Aber nicht jüdische Ueberzeugungen hatten den Anstoss zu seiner Begründung gegeben, und nicht das Verlangen, das Judentum zu schützen und zu stützen. Im Gegenteil. Sein Schöpfer träumte einen Verein der Entjudeten, bei denen das Judentum bis zur Verschwommenheit vergeistigt, bis zur Unsichtbarkeit vergast, bis zur Unerkennbarkeit verflüchtigt war. Gegen das alte Judentum mit seinen Hoffnungen und seiner Sehnsucht wurde Sturm geblasen. „Wer noch in seinem Gebete die alte Formel braucht: Im kommenden Jahre in Jerusalem — ist der ein Staatsbürger? Wer diese Worte noch mit Inbrunst spricht, der gehe hin, wo sein Herz oder religiöse Schwärmerei ihn hinzieht; wer sie nur nachplappert, weil sie seit Jahrhunderten Geschlechter auf Geschlechter gesprochen haben, der ist ein Narr!" (Schutzjuden oder Staatsbürger? III. Aufl. S. 10 ff.) Besonders aber tobt der Verfasser. gegen jene Orthodoxie, „die weder den Geist der Zeit, noch unsere Stellung im Staate begriffen hat." Aber Orthodoxie ist ihm nicht nur die kleine abgesprengte Gruppe mit ihrerh eigenen Kaschrus und ihrem eigenen Friedhof; sondern die Gesamtheit all derer, die an Brauch und Satzung, an Gefühlsinhalten und Weltanschauung, an Volkshoffnung und Tröstung des alten Judentums festhalten und sich festklammern an dem alten Stamme, für den ihre Ahnen gelitten und von dem sie ein starkes Eigenleben erhofften und nicht ein Verschwinden. Von diesem Teil der Juden, diesen „Zurückgebliebenen" und „Verknöcherten", sollte sich der „bessere Teil" abwenden — „und sollte darum auch ein Bruch in die alte Gemeinschaft kommen." Der alte Unfug, den David Friedländer, „dieser Affe Mendelsohns", nach dem Erlass des Emanzipationsediktes 1812 getrieben, schien wieder lebendig zu werden. Hatte Riesser vergeblich gesprochen, dass die vollkommene Gleichberechtigung nicht von dem Charakter und der Intensität jüdischer Gesinnung und Ueberzeugung abhängig gemacht werden dürfe? Die Kämpfe eines Jahrhunderts schienen vergessen, nur weil ein paar „Ueberreife" — wohl aus Furcht, unehrlicher Handlung geziehen zu werden — den letzten Schritt nicht zu machen wagten. War es da ein Wunder, wenn in den ersten Jahren seines Bestehens der Zentral-Verein eine Tummelstätte auch für alle aus dem Judentum hinausdrängenden Tendenzen gewesen war? Zum Glück hat die praktische Betätigung für die Ehre des Judentums gesiegt über das Theoretisieren, durch das — undankbar und schmachvoll — Wesensteile unseres Judentums abgebogen und abgelogen werden sollten. Wer verlangt von uns, dass wir unsere jüdische Nationalität ableugnen sollen? Jeder weiss, dass wir auch durch Abstammung aneinander gebunden sind. Hindert uns unsere Abstammung gute Staatsbürger zu sein? Die ganze Fragestellung war so unglücklich: Sind wir zuerst Deutsche und dann Juden? Als ob in der menschlichen Seele die Komponenten jede für sich so übereinander geschichtet liegen, wie die Gegenstände in einem Kramladen. Bei dem Grundzug menschlicher Artung, die mannigfachen Einflüsse in ein gemeinsames Bett zu drängen, bei unserer spezifischen, so kräftig wirkenden monistischen Veranlagung bilden sich eben aus Milieu, Erziehung und den eingeborenen und angeerbten Seelenkräften neue Einheiten „von selbst" — unter der Schwelle des Bewusstseins. Jedenfalls bei der erdrückenden Majorität! Die Wenigen aber, die Sensiblen und die Sichbelauschenden, die mit feineren, zarteren, schärferen Sinnen das Getriebe ihrer Seele verfolgen und den Kampf der Komponenten schmerzhaft fühlen, die um Einheit und Ganzheit ringen müssen und oftmals verbluten, weil sie die ganze Tragik unseres Daseins tragen — Du lieber Gott! —sind sie Verbrecher? Muss man sie abschütteln? Und können sie nicht getreue und pflichtbewusste Staatsbürger sein?? — — Unsere Rechte müssen wir verteidigen, weil wir gern und freudig unsere Pflichten gegen das Gemeinwesen erfüllen, das uns bildet, nährt und gegen die — allen Bürgern gemeinsamen — Feinde schützt, und weil unsere Menschenwürde uns spornt. Aber müssen wir deswegen uns belügen und bei anderen uns lächerlich machen durch Behauptungen, dass uns von der christlich-germanischen, christlich - slavischen und christlich-wälschen Bevölkerung nur scheidet, dass sie „Sonntags in die Kirche gehen — und wir Samstag zur Synagoge"? Und was scheidet die, die Samstag nicht zur Synagoge gehen von denen, die Sonntags nicht zur Kirche kommen? . . Und dann: verbindet uns wirklich mit dem Juden des Auslandes nur der Glaube? Loewenfeld hatte offen und ehrlich gesagt: „Der überkommene Glaube", der vererbte, der Glaube, den unsere Ahnen hatten — denn er wusste, dass der Glaube, den wir be-