Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Eine jüdische Mutter
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 131 - 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583907-2586719--02578-2586795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13L J. Berschadski: Eine jüdische Mutter. 13 Doch gerade um die Zeit, da das Uebel seinen Gipfel erreicht zu haben schien, nahmen die Dinge eine Wendung zum Besseren. Von Josef traf die Nachricht ein, dass er in seinem neuen Aufenthaltsorte eine feste, lohnende Bethätigung gefunden habe, und kurz darauf traf eine Geldsendung ein, als sichtbarer Beweis für die Besserung seiner Lage. Auch aus Amerika kam fröhlichere Kunde. Der Sohn hatte dort dauernde Beschäftigung gefunden und sandte bald dem jüngeren Bruder eine Geldsumme und eine Schiffskarte für die Reise nach Amerika. Um Raheis Hand warb ein Freier, den sie in ihren Briefen nicht genug loben konnte. Kurz nach ihrer Hochzeit sandte sie eine Schiffskarte und Geld für den zweiten Bruder, gleichzeitig kam ein Brief von ihrem Gatten, der den unbekannten Schwager in herzlichen Worten einlud, zu ihm zu kommen. So erfreulich auch diese Wendung an sich war, sie erfüllten das Herz der Mutter doch nur mit geheimem Kummer. Die Freude über das Glück, das die Tochter an der Seite eines braven und geliebten Mannes gefunden, war nicht vollkommen. Wie hatte sie sich das alles so schön ausgemalt, wenn sie ihre Tochter verheiraten würde. Ihr Mutterherz kostete schon im voraus all' die süssen Mühen und Plackereien, die ihr dabei zufallen würden . . . Nun vollzog sich das alles irgendwo in weiter, weiter Ferne, und ihr war nicht einmal die Möglichkeit gegeben, die Hand auf das Haupt des Kindes zu legen. Der Schmerz um die betrogene Hoffnung schnitt ihr ins Herz. Dazu kam, dass sie sich bald von zwei Söhnen für immer trennen sollte. Sie versuchte vergebens, sie zum Bleiben zu bewegen, die Knaben träumten ja längst schon von dem Leben in der Neuen Welt, und die Briefe der dortigen Geschwister stachelten ihre Reiselust nur noch mehr an. Nun blieb sie mit ihrer jüngsten Tochter Rebbeka allein zurück. Ihre materielle Lage war nun sichergestellt, denn der älteste Sohn und die Kinder in Amerika bestritten die Kosten des ganzen, im übrigen ja kleinen Haushaltes. Aber die Seele der Mutter war von all dem nicht befriedigt, da es ihr nicht gegönnt war, das Glück der Kinder mit eigenen Augen zu schauen. So oft eine frohe Nachricht von ihnen anlangte, mischte sich Kummer in ihre Freude. Sie fühlte sich vom Schicksal anderen Müttern gegenüber benachteiligt, die es nicht nötig hatten, sich mit ihren Sprösslingen vermittelst des toten Buchstaben zu verständigen. Nach Amerika zu reisen, war ihr niemals in den Sinn gekommen, auch die Kinder hatten ihr diesen Vorschlag niemals gemacht. Aber Josef, der sich inzwischen verheiratet und selbständig gemacht hatte, lud öfters Mutter und Schwester ein, zu ihm zu kommen. Die Mutter lehnte es jedoch ab, anfangs weil sie befürchtete, sie könnte der Schwiegertochter zur Last fallen, aber auch nachher, als sie sich überzeugte, dass diese Befürchtung hinfällig war, weigerte sie sich entschieden, der Einladung Folge zu leisten, obgleich eine grosse Sehnsucht sie hinzog. Doch wäre sie selber nicht imstande gewesen, sich über die Gefühle Rechenschaft zu geben, die es ihr schwer machten, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Zum Teil war es eine unbestimmte Furcht der alten Frau vor den fremdartigen, unbekannten Verhältnissen, zum Teil aber auch die thörichte Hoffnung, die sie im stillen Herzen hegte, dass die Kinder noch alle einmal zu ihr zurückkehren würden. Besonders in Bezug auf den Aeltesten gab sie sich insgeheim dieser Illusion hin, zumal, da er in seinen Briefen oftmals der Befürchtung Ausdruck gab, er könnte eines Tages unvermutet des provisorischen Rechtes, ausserhalb des Ansiedelungsrayons zu wohnen, verlustig gehen. So verstrichen sechs, sieben Jahre. Das jüngste Mädchen war mittlerweile zur Jungfrau herangereift und es war Zeit, an ihre Ausheiratung zu denken. Josef erbot sich, für seine Schwester zu sorgen. Daher widersetzte sich die Mutter nicht, als dieser das Mädchen einlud, zu ihm zu kommen, um einige Monate unter seinem Dache zu weilen. Erst als das Kind fort war, überkam die alte Frau der ganze Schmerz der Trennung. Nun bereute sie schwer, nicht mitgereist zu sein, und erwartete mit brennender Ungeduld die Rückkehr der Tochter. Da erhielt sie nach einiger Zeit die plötzliche Nachricht, das Mädchen habe die Liebe eines reichen Kaufmannssohnes gewonnen und sei schon nach der Versprechung, man erwarte nur noch die Ankunft der Mutter, um Hochzeit zu feiern. Gerade als die Frau, hocherfreut und beglückt, Anstalten zur Abreise traf, langte ein dringender Brief von Josef ein, der berichtete, die Dinge hätten urplötzlich eine schlimme Wendung genommen und sie müssten allesamt darauf gefasst sein, jeden Augenblick den Ausweisungsbefehl zu erhalten. Die Alte war über diesen Umschwung mehr erfreut als bekümmert. Sie hegte die Zuversicht, dass Gott ihre Kinder auch hier nicht verlassen werde, und nun sollten endlich ihre geheimsten Wünsche, die Ihrigen hier um sich versammelt zu sehen, in Erfüllung gehen. Sie sah mit Ungeduld dem Ausgang der Sache entgegen und litt einige Monate lang die Qualen der Ungewissheit. Die Briefe von ihren Kindern liefen mittlerweile, gegen die sonstige Gewohnheit, sehr unregelmässig ein. Endlich wurde ihr berichtet, dass die Gefahr vorüber sei und sie in ihrem bisherigen Wohnsitze verbleiben dürften. Was aber die Mutter anbetreffe, so sei es vorteilhafter, dass sie, in Anbetracht ihres vorgerückten Alters und der Beschwerlichkeiten einer so weiten und gefahrvollen Reise, ihre Heimat nicht verlasse. . . . * * Die Frau war unglücklich über ihre Vereinsamung auf die alten Jahre, und die Sehnsucht nach den Kindern meldete sich um so leidenschaftlicher, als die Hoffnung, sie wiederzusehen, schon so nahe der Erfüllung gewesen war. Sie wusste sich die Ursache, die ihren