Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Eine jüdische Mutter
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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133 J. Berschadski: Eine jüdische Mutter. 134 Sohn bewogen habe, den Plan zu ändern, gar nicht zu erklären. Doch wurde ihr Vertrauen in die grenzenlose Liebe der Kinder keinen Augenblick wankend. Auch wir, ich und meine Frau, mussten jeden Zweifel zurückweisen, nachdem wir die Briefe gelesen, die Sohn und Tochter aus der Ferne an,die Mutter gerichtet hatten und die diese wie einen heiligen Schatz behütete. Aus einer jeden Zeile sprach aufrichtige kindliche Liebe und Sehnsucht, ab und zu klang auch eine verhaltene Klage heraus über die bittere Notwendigkeit, vor der man sich mit Schmerz beugen müsste. Gleichwohl konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren: „Aus den Augen — aus dem Herzen." Es war mir ein Rätsel, weshalb die alte Mutter zu einem einsamen Verwelken in der Ferne verurteilt bleiben sollte. Diese Betrachtungen veranlassten mich, ohne Wissen der Alten mich in die Sache zu mischen. Da ich ihre Korrespondenz besorgte, legte ich einmal dem . Briefe, den ich an den Sohn in ihrem Namen schrieb, einen zweiten in meinem eigenen bei, in welchem ich zur Entschuldigung meines Schrittes unsere Beziehungen zu der alten Frau klar legte, die mich berechtigten, hier ungebeten das Wort zu ergreifen. Dann schilderte ich, so gut ich konnte, wie schwer der armen Frau die Vereinsamung falle, wie sehr sie sich nach Kindern und Enkeln sehne, und legte diesen schliesslich die Pflicht ans Herz, den Seelenqualen der alten Mutter ein Ende zu bereiten. Ich erhielt keine direkte Antwort, aber in dem nächsten Briefe an die Mutter flocht der Sohn eine offenbar an meine Adresse gerichtete Anspielung ein, die durchblicken Hess, dass es Dinge geben könne, die man nicht so leicht klar zu machen vermöge, und dass ISMAEL GENTZ. Aquarell-Studie für das Aquarellbild ,,Im Tempel zu Tripolis" feine Reproduction des vollendeten Bildes erscheint im nächsten Heft von „Ost und West"). daraus ungerechte und kränkende Meinungen erwüchsen. Mich befriedigte diese Andeutung wenig. Mein Verdacht wurde nur noch bestärkt. Inzwischen erkrankte die Frau und ahnte sofort, dass sie das Bett nicht mehr verlassen werde. Unter den verschiedenen Wünschen, die sie mir für den Fall ihres Todes auftrug, war auch der, den sie mir besonders einschärfte, eine Menge hebräischer Bücher, die sich in ihrem Besitze befanden, dem ältesten Sohne zukommen zu lassen, und ihn von ihrem Tode telegraphisch zu benachrichtigen „Meine Kinder in Amerika," sagte sie seufzend „haben gewiss schon alles Jüdische verlernt, vielleicht haben sie schon ihre ganze Jüdischkeit abgethan. Aber mein Sohn Josef wird, das bin ich fest überzeugt, nach meinem Tode Kaddisch sagen, Mischnajoth lernen, und auch seine Kinder noch werden die heiligen Bücher benützen, die die alte Grossmutter ihnen von dem Totenbette sendet." Als ich diesen letzten Willen der Greisin vollzog,wurde mir erst klar, welch einer unseligen Täuschung sie sich in dieser Beziehung hingegeben hatte. Die direkte Antwort auf meinen Brief traf erst jetzt ein. Die Kinder dankten uns in bewegten Worten für dieTeilnahme, die wir ihrer Mutter gewidmet, und gestanden uns den Grund, weshalb sie ihnen ewig^fern bleiben musste — Die Arme erfuhr niemals, und es war "gut, dass sie nicht erfuhr, welch einen Preis ihre Kinder für das Recht, ausserhalb des für die Juden bestimmten Rayons wohnen zu dürfen, bezahlt hatten. War sie nicht unglücklich genug, einsam bleiben zu müssen, wozu hätte sie auch noch erfahren sollen, dass sie verlassen war? . .