Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 129 - 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Eine jüdische Mutter
Date
1903-01-01
Page
Seite 129 - 130 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583907-2586719--02577-2586794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

129 J. Berschadski: Eine jüdische Mutter. 130 (*> /v- O' \ j *ig5§ÄL r.t;^.?^^n^k 5f3ftii5>>^T ^V^?VV;( . J''''?%>:;>\ ISMAEL GENTZ. KARLSBADER STUDIE 1888. die ersten Vorboten einer verzehrenden Krankheit. Die ungewohnte Lebensweise, der Kummer über die traurige Wandlung seines Schicksals hatten seine Gesundheit untergraben, und dieser Umstand verschlimmerte nur noch den Gang der Geschäfte. . . Drei Jahre, nachdem sie in der Stadt dauernden Aufenthalt genommen, verstarb der Alte und liess die Frau mit sechs unversorgten Kindern ohne jeden gesicherten Nahrungszweig zurück. Sie hatten längst schon die frühere bequeme Wohnung aufgegeben und eine kleinere und billigere bezogen, jetzt verkauften sie auch die Einrichtung, die ihnen aus besseren Tagen übrig geblieben war, aber all das reichte nicht aus, um sie dauernd vor Not zu schützen. Sie besassen nur noch etwa sechshundert Rubel Bargeld, und es war leicht, die Stunde auszurechnen, an der der letzte Heller dahin sein würde. Noch ein Jahr vor dem Tode des Alten hatte der älteste Sohn Josef, ein junger Mann von einundzwanzig Jahren, das Vaterhaus verlassen, um in der Welt sein Glück zu suchen. Jetzt beschloss der zweite Sohn, der achtzehnjährige Abraham, im Vereine mit seiner sechszehnjährigen Schwester Rahel, nach Amerika auszuwandern. Die Mutter widersetzte sich dem und flehte die Kinder mit Thränen in den Augen an, von diesem Vorhaben abzulassen. Schon die Trennung von Kindern für immer war ihr an sich furchtbar, aber mehr noch schmerzte sie der Gedanke, dass die Kinder, für deren Ausbildung ihr Mann auch zu den schlechtesten Zeiten kein Geld sparte, dort im „gottlosen Amerika" alles Jüdische, alle erworbenen Kenntnisse im Hebräischen vergessen und „völlige Heiden" werden würden. Sie war überzeugt, dass ihr verstorbener Mann nie eingewilligt hätte, dass seine Nachkommen sich auf diese Weise in der Welt zerstreuen, und darum bot sie ihre ganze mütterliche Ueberredungskunst auf, um die beiden Wanderlustigen zum Ausharren zu bewegen, bis es dem Aeltesten gelingen würde, sich eine Existenz zu begründen, dann würde er auch ihnen beistehen können. Sie war voll des Vertrauens in die Fähigkeiten ihres ältesten Sohnes und rechnete mit Bestimmtheit darauf, dass sein Erfolg nicht lange auf sich würde warten lassen. „Wären die beiden Durchgänger nicht so ungeduldig gewesen" — klagte die alte Frau öfters —, „die Dinge hätten vielleicht überhaupt einen andern Lauf genommen. Die Kinder hätten sich nicht nach allen Windrichtungen zerstreut, und ich wäre nicht so mutterseelenallein geblieben. Aber . . . das war offenbar Gottes Wille so, . Abraham und Rahel willigten ein, ihre Abreise zu verschieben. Aber die Zeit verstrich und Josef irrte noch immer von Stadt zu Stadt herum, ohne eine feste Stellung gefunden zu haben. Schliesslich musste die Mutter nachgeben. Sie gab den Kindern einen beträchtlichen Teil ihres Barvermögens, mit dem Rest machte sie sich einen kleinen Kaufladen auf. Sie hatte jetzt allerdings nur geringe Ausgaben, aber auch dazu reichten die kärglichen Einnahmen nicht hin, das Kapitälchen wurde immer geringer, bis es endlich ganz verdunstet war. War ihre Lage daheim traurig genug, so waren die Nachrichten, die sie von ihren Kindern erhielt, noch betrübender. Freilich enthielten deren Briefe keine Klagen, im Gegenteil, sie atmeten stets eine frohe Zuversicht, aber das Mutterherz liess sich nicht täuschen und ahnte instinktiv, dass hinter dieser Hoffnungsfreude sich eine verzweifelte Lage verbarg, und dass die Aussichten auf die Zukunft nicht minder trübe waren. Eines Tages kam von Josef die Nachricht, dass er die Hoffnung aufgegeben habe, innerhalb des Ansiedelungsrayons eine Stellung zu finden, und daher den glücklichen Zufall benützen wolle, der ihm die Möglichkeit biete, sich trotz des allgemeinen Verbots in einer Stadt im Innern des Reiches anzusiedeln. Es traf die Mutter hart, dass der Sohn in eine wildfremde Gegend, „ans äusserste Ende der Welt" verschlagen wurde, wo es fast gar keine Glaubensgenossen gab. Doch noch mehr betrübte sie die gleichzeitig aus Amerika eingetroffene Kunde, dass die beiden Geschwister, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, von einander scheiden mussten, um fortan in verschiedenen Städten zu leben. Der Gedanke, dass das junge Mädchen allein im fremden Lande, unter fremden Menschen umherirrte, war ihr doppelt unerträglich, da ihre Vorstellungen von dem Leben in der Neuen Welt ganz phantastisch und ungeheuerlich waren und ihr eine förmliche Angst einflössten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.