Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Eine jüdische Mutter
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 127 - 128 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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127 J. Berschadski: Eine jüdische Mutter. 128 alten Frau, nur ich sprach das Gebet für das Heil ihrer Seele — wir aber waren durch keine Bande des Bluts an sie gebunden. Wir waren ihr völlig fremd; wenige Jahre vor ihrem Tode wurden wir mit ihr bekannt. Die alte Frau hauste einsam in zwei kleinen Zimmerchen, die gegenüber unserer Wohnung lagen. Niemals empfing sie einen Besuch, ging auch niemals aus, es sei denn nach dem Laden, wo sie ihre Einkäufe machte, oder in die nahegelegene Synagoge, wo sie morgens und abends dem Gottesdienst beiwohnte. Sie mochte gegen sechzig Jahre alt sein; sie war schon etwas gebeugt und abgemagert , aber ohne jene, bejahrten Frauen eigene Schwerfälligkeit der Bewegungen. Ihr Gesicht war verschrumpft und von Furchen durchzogen, ihre hellbraunen Augen schienen umflort, aber das sanfte Lächeln um die welken Lippen und der ruhige Blick verrieten Herzensgüte und Feinheit. Ihr schlichtes, altmodisches Gewand war von peinlicher Sauberkeit. Die bescheidene Einrichtung ihrer Häuslichkeit zeugte von der ordnenden Hand einer rührigen und sorgenden Hausfrau. Was uns am meisten an ihr interessierte, war der Ausdruck einer gewissen Traurigkeit in ihrem Gesichte, der erraten liess, dass sie viel Leid in ihrem Leben erduldet haben musste. Ich und meine Frau fühlten uns zu unserer stillen Nachbarin hingezogen, und sie ihrerseits schloss sich uns gern an. Es dauerte nicht lange und der Bund wurde so innig, dass wir sie als zur Familie gehörig betrachteten. Wir waren kurz nach unserer Hochzeit, und meine junge, unerfahrene Hausfrau machte sich die Ratschläge unserer alten Freundin zu Nutze, die ihr mit sanftem Lächeln in der Wirtschaftskunst Anschauungsunterricht erteilte. Als unser erstes Kind ankam, nahm die „alte Frau Tante" förmlich Besitz davon und gab sich damit fast mehr ab, als die junge Mutter. Wenn sie das Kind hätschelte, konnte man ihr die grosse, unsagbare Wonne anmerken, mit der diese Thätigkeit sie erfüllte. Ihre Augen strahlten förmlich, die Furchen in ihrem Gesichte glätteten sich, auf ihren welken Lippen erschien ein wonnevolles Lächeln, sogar in ihrer Stimme tönten eigenartige, frohlockende Accente. . . Anfänglich glaubte ich darin nur eine Aeusserung des der Frauennatur innewohnenden Bemutterungstriebs erblicken zu sollen; aber eine genauere Beobachtung überzeugte mich, dass hier ein tieferer Grund vorlag. Der Anblick des fremden Kindes weckte offenbar in ihr nicht nur süsse Erinnerungen an die längst vergangene, selige Zeit der eigenen Mutterschaft, sondern auch eine unbestimmte, aber nagende Sehnsucht nach Kindern, die ihrem Herzen näher standen, aber ihren Augen fern waren, Kindern, die sie vielleicht nie gesehen und deren erträumte Gestalten nur die Phantasie ihr vorgaukeln mochte. . . . Diese meine Vermutungen bestätigten sich, als wir die Lebensgeschichte unserer Freundin erfuhren, eine einfache und fast gewöhnliche, aber ebenso tragische Lebensgeschichte. . . . Vielleicht liegt das Tragische solcher Lebensschicksale gerade darin, dass sie so häufig, ja fast alltäglich sind. * * * An der Seite ihres Gatten hatte sie zwanzig glückliche Lebensjahre verbracht. Sie waren nicht reich, ■aber ein behaglicher Wohlstand war ihnen beschieden gewesen. Sie sassen die ganze Zeit über als Pächter auf dem Landgut eines polnischen Edelmannes. Trotz mancher Schwierigkeiten und Misserfolge erging es ihnen im allgemeinen nicht schlecht, sie bestellten fleissig den Acker, wirtschafteten mit grosser Umsicht und kannten daher keine Not. An das Landleben hatten sie sich derart gewöhnt, dass sie an keine andere Lebensweise denken mochten. . . . Doch wurden sie wider ihren Willen aus der bisherigen Bahn gedrängt. Am Anfange der achtziger Jahre mussten sie die Scholle, die sie so lange mit ihrem Schweisse getränkt hatten, verlassen, der Pachtkontrakt war zu Ende und durfte nicht erneuert werden, da die kurz vorher erlassenen „temporären Gesetze" dies verwehrten. . . . Diese Wendung war in materieller Beziehung ein Ruin für die Familie, die dadurch ihres gewohnten Nahrungszweiges 'beraubt wurde, und zwar just an einem Zeitpunkt, da die Kinder herangewachsen waren und die Bedürfnisse sich naturgemäss vergrösserten; doch zunächst machten sich die mit dem Schicksalschlag verbundenen moralischen Leiden noch fühlbarer. Als wir unsere Freundin kennen lernten, waren seit jener Zeit mehrere Jahre vergangen, die viel Kummer und Ungemach auf das Haupt der alten Frau gehäuft hatten, aber noch immer zitterte ihre Stimme vor verhaltenen Thränen, wenn sie auf jenes Ereignis zu sprechen kam. Es war ein förmlicher „Tischah-beav", ein wahrer Trauertag für die ganze Familie, da sie die liebgewordene Umgebung verlassen mussten und all den Staat, die Felder, die Obst- und Gemüsegärten, die Getreidespeicher und die Viehhürden, — Dinge, mit denen sie gross geworden waren, in denen so viel von ihrer Arbeit und ihrer Liebe steckte, dass sie sie beinahe als ihr Eigentum betrachten durften. Das Leben in der Stadt machte ihnen das Uebel nur noch unerträglicher. Freilich kamen sie früher auch manchmal in die Stadt, aber sie verweilten dort höchstens einen oder zwei Tage. Da sie an die freien, weiten Horizonte des Landlebens gewöhnt waren, fühlten sie sich in der Stadt mit ihren engen Gassen und ihrem Hasten und Drängen doppelt unglücklich. Beim Uebersiedeln nach der Stadt betrug ihr Besitz gegen zehntausend Rubel, mit denen sie ein Geschäft anfingen. Infolge ihrer Unkenntnis der neuen Verhältnisse und der mangelnden Erfahrung im städtischen Geschäftsleben verloren sie beträchtliche Summen. Ein paar besondere Unglücksfälle gesellten sich hinzu. Das Vermögen schmolz mit jedem Jahr immer mehr zusammen, jedes neue Unternehmen, das sie anfingen, brachte neue Missertolge, die Not stand bald vor der Thür. Zugleich meldeten sich beim Oberhaupt der Familie