Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583907-2586715--02566-2586791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
123 Nun, dieses hohe Ideal eines geistigen Messias, einer vollkommen glückseligen Zeit, wie es die mosaische Urkunde ihrer ganzen Anlage nach vor Augen hat, die Propheten mahnend in die Welt rufen, der Talmud nachdrücklich lehrt, Maimonides scharf zeichnet: die Erfüllung dieses Ideals weissagt nach den Makkabäersiegen die jüdische Sibylle vor aller Welt im Geiste und fast mit den Wortender Propheten, in der Sprache der Griechen, in deren Mitte sie lebt. Wir finden dieses Messias - Orakel fast mit den Worten des Propheten wiedergegeben im dritten Buche der „sibyllinischen Weissagungen"13): „Alsdann ein grosser Friede herrscht auf sämtlicher Erde, Und bis an's Ende der Zeit wird Freund sein ein König dem andern, Und nach einem Gesetze wird die Menschen auf sämtlicher Erde Der unsterbliche Gott im gestirnten Himmel regieren. Ein Gesetz für was immer gethan die elenden Menschen." Und ein anderes Mal14): „Und Er wird wohnen in Dir und Dir ein unsterbliches Licht sein. Und der Wolf und das Lamm werden auf den Bergen selbander Weiden, und Gras mit dem Böckchen zugleich die Parder verzehren. Bären zusammengepfercht mit Kälbern sind auf der Weide, Und der Fleisch fressende Leu wird Spreu an der Krippe zerkauen Gleich einem Stier, und ganz unmündige Kinder an Fesseln Führen ihn. Denn Gottes Hand wird sie beschützen." Wiederholt kommt die Sibylle im dritten Buche und an andern Stellen in der einen oder anderen Weise auf den Messiasglauben zurück und bringt damit selbstredend den Gottglauben in Verbindung, zu welchem sie das Volk, die Menschen alle auffordert. Und sie thut es in griechischer Sprache, weil sie auf die Juden ausserhalb Palästinas einwirken will, denen die hebräische Sprache soweit fremd geworden war, dass sie selbst die „heilige Schrift" nur in Griechisch zu lesen verstanden, und deshalb von Palästina aus für sie die ,.Septuaginta" verfasst wurde. Zugleich aber war es vielleicht auch die Absicht der Sibylle, durch ihre Weissagungen die griechisch redenden Völker überhaupt mit dem Glaubensschatz der Juden bekannt zu machen. Wie dem auch sei, das Bestreben der jüdischen Sibylle, das Volk in seiner Trübsal zu trösten, seinen Blick auf Gott zu lenken, seine Hoffnung auf Erlösung, auf eine bessere Zukunft, auf ein messianisches Reich zu stärken, war nicht vergebens; Gottesfurcht und Frömmigkeit gewannen dadurch Kraft und Stärke. Allein der messianischen Zeit sollte nach der jü- 13) HI, V. 750—760. 14) Das. V, 786-794; Jesaias 11, 6 ff. 124 dischen Tradition eine antimessianischei5) voraufgehen, eine Zeit grossen Schreckens, welche den baldigen Eintritt jener ersten bedeuten und verbürgen würde. Und in der That waren die römischen Imperatoren Tiberius, Caligula, Claudius von den Juden mit antimessianischem Charakter bekleidet, und an Nero im Besondern, den die jüdische Apokalypse von Belial (Satan) gezeugt und aus einem Stein geboren werden lässt, klammert sich die antimessianische Auffassung an. War doch Nero der erste, der gegen die Juden jenen verhängnisvollen, durch Grausamkeit bemerkenswerten Krieg führte, dessen letztes Ergebnis die Zerstörung des Tempels in Jerusalem war. Nero, dessen ganze Regierung eine Geschichte voll Frevel und Grausamkeit war, war ganz der Mann, für welchen ihn die jüdische Apokalypse ansah, ganz der Antimessias, als welchen ihn auch die jüdische Sibylle charakterisierte. Von ihm kündet sie als dem Schrecken der Menschen, der tausendfältiges Unheil stiftet und durch teuflische Künste seinem Schicksale entgeht, — als dem Bösewicht, dem Antimessias,16) dem die messianische Zeit auf dem Fusse folgen werde. Die Neronische Periode zog vorüber, Jerusalem war gefallen, der Tempel zerstört, der erwartete Messias jedoch war nicht erschienen. Um diese Zeit hält die christliche Sibylle ihren Einzug und nimmt fortan teil an der Arbeit ihrer jüdischen Genossen, — im Dienste des christlichen Glaubens. III. Christentum. Das Christentum, an der Brust des Judentums genährt, hatte von Anfang an es weniger auf Abwehr und Verteidigung, als auf Angriff und Eroberung abgesehen. Mit grollendem Auge sah Rom dieser Entwicklung zu, und kaum waren drei Jahrzehnte verflossen, als der Hass gegen die christliche Gemeinschaft, der schon längst im Stillen einherschlich, in voller Stärke ausbrach. Nero beschuldigt die Christen (64 v. Chr.), den verheerenden Brand in Rom angelegt zu haben, den er selbst in frevler Lust und toller Ausgelassenheit gezündet, und zahlreiche Scheiterhaufen beleuchten die Mord- und Marterszenen, welche zur Lust und Befriedigung des römischen Volkes an den unschuldigen Christen verübt werden. Vier Jahre später (68) fiel Nero unter den Dolchstichen seiner Freigelassenen, während ein Reich von Sagen sich an seinen Tod knüpfte —, bis man diesen schliesslich leugnete und die Wiederkunft des Tyrannen aus dem Orient erwartete. Diese angstvolle Erwartung, der nur eine heidnische Volkssage zu Grunde lag, bewegte Juden und Christen in gleichem Masse, und war der muttermörderische Tyrann bereits der Antimessias der 15) Kethuboth zu Ende; Sanhedr. 97 a, 98 b; Sotah 49 b, Pessach: 118a; ferner die verschiedenen Messiasfragen in Jeliineks Beth Hamidrasch II und III. lß) Sibylle 4, V. 119—124; das. 214—219; das. 5, 228—235. Dr. Tobias Cohn: Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum.