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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 121 - 122

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 121 - 122 (sequence 6)
Language
German
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121 Dr. Tobias Cohn: Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum. 122 jüdische. In solchen Augenblicken erwachte ihm der Messiasglaube, die Hoffnung und Erwartung, dass aus der Finsternis Licht hervorgehen und auf die trübe Gegenwart eine helle, gnadenreiche Zukunft folgen werde. Es liegt auch nahe, den Messiasglauben an einen persönlichen Messias zu knüpfen; denn die grossen Wechsel im Völkerleben vollziehen sich naturgemäss in Verbindung mit hervorragenden Führern. In der That scheinen sich messianische Vorstellungen bereits mit dem Könige Hiskias4) verbunden zu haben. Diese lehnten später sogar an Cäsar5) und Augustus6) an, und zur Zeit des Kaisers Hadrian an Barkochba7), den gewaltigen Sieger Israels über das römische Heer. Allein wir wissen, dass der persönliche Messias sehr bald keinen Platz mehr im Glauben Israels fand. Die anscheinend darauf bezüglichen Weissagungen der Propheten wurden auf eine messianische Zeit gedeutet, auf eine glückselige Zukunft, in welcher Natur und Geschichte ihre reichsten Segnungen der gesamten Menschheit darbieten, „wo die Schwerter zu Sensen, die Speere zu 4) Jesaias 9, 5-6; das. 11, 1 — 10. Secharjah 9, 9. Sanhedrin 94a. 5) Daniel 7, 13. Sueton, Caes. 81. Ausführliches A. Hildebrandt in Hilgenfeld's Zeitschr. für wissenschaftl Theologie 1874. 6) Das. S. 62. 7) Sanhedrin 93 b; Jerusch. Thlanith IV, 5. ISMAEL GENTZ. ZEICHNUNG. Max Klein. Wiegemessern umgewandelt werden."8) Jene immerwährende goldene Aera wurde darunter verstanden, in welcher, wie der Prophet sich ausdrückt, „die Völker einander nicht mehr bekriegen", sondern vielmehr ein Bund des Friedens und der Eintracht, der Liebe und Gerechtigkeit die Menschen alle umschliesst und Alle, in Gott wohlgefälligem Sinnen und Denken geeint, gemeinsam arbeiten werden am Tempel der Gotterkenntnis und Anbetung, der Wissenschaft und Bildung, am Tempel der Tugend und Versöhnung. So erklärt der Talmud9) im Namen des Amoräers Hillel im dritten nachchristlichen Jahrhundert: „Israel hat keinen persönlichen Messias weiter zu erwarten; seit Hiskias ist die Zeit der Erwartung des Messias vorüber." Indess neigten Andere dem persönlichen Messias zu und berechneten sogar auf Grund dunkler Verheissungen des Daniel die Zeit der Ankunft des Messias. Ihnen ruft der Vertreter der Gegenpartei zu: „Fort aus den Augen mit den Berechnern der Messias-Ankunft."10) Gleichwohl sagte dem Mittelalter bei seiner vorwiegenden Neigung zum Sinnfälligen und Materiellen in religiösen Dingen mehr zu, an die Messiasperson, als an die ideale Messiaszeit zu glauben. So eignete sich schon im siebenten Jahrhundert das Thargum Jonathan zu Deuteron. 30, 4 diese Anschauung an und führt neben dem Messias-König auch dessen Verkünder Eliahu ein. Die umlaufenden Messiassagen ferner bezeugen die allgemeine Verbreitung dieser Anschauung. Was Wunder daher, dass zu Anfang des zehnten Jahrhunderts Saadia, der Begründer der jüdischen Wissenschaft, sich dieser Richtung anschloss11) und fast mechanisch ein politisches Messiasreich aufbaut und die Zeit der Ankunft des Messias-Königs berechnet. Zwei Jahrhunderte wandelte das Judentum in diesen Spuren, bis Maimonides (1135 bis 1204), der scharfsinnigste jüdische Denker des Mittelalters, mit der Fackel seines Geistes in diese Spuren hineinleuchtete und unter Hinweis auf Thorah, Propheten und Talmud lehrte12): „In der messianischen Aera wird keinerlei Veränderung gegen die Gegenwart, weder im Leben der Natur, noch der Menschen, vorkommen. Der einzige Unterschied gegen früher wird darin bestehen, dass kein Unrecht, keine Bedrückung oder Zurücksetzung Israels von Seiten eines Staates vorkommt, dass Krieg, Zerstörung und Streit zwischen den Mächten gänzlich fehlen, hingegen Friede und Eintracht, Wahrheit und Gerechtigkeit überall das Szepter führen werden. Erkenntnis und Gottesfurcht, Wissen und Tugend werden die ganze Erde erfüllen, wie Wasser den Meeresgrund bedecken." 8) Jesaias 2, 4; Micha 4, 3. 9) Sanhedrin 98 b, 99 a. 10) Sanhedrin 97 b. n) Emunoth w'deoth c. 8. 12) Mischnah-Kommentar zu Sanhedr. c. 10. Jod., Abschn. Könige zu Ende. Vgl. Talm. Berach. 34 b, Sanhedr. 99 a, Sabb. 63 a.

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